24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

Der Niederländer Wam Kat hat das Kochbuch der sozialen Bewegungen geschrieben. Mit 24 tollen Rezepten an denen sich schon tausende gestärkt haben: Egal obs gegen Aufrüstung, Atomkraft oder Umweltzerstörung ging.

 

Jeder Wohnung ihre Köche. In unserer WG regiert Plachutta mit eiserner Hand das Kochbuchregal. Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung ist allerdings kein klassisches Kochbuch, eher ein KochLESEbuch, von Fremdgehen kann also keine Rede sein.

Martin Bartenberger, www.fm5.at

 

 

Der erste Eindruck

Ich war auf das Buch einigermaßen gespannt. Gestoßen bin ich darauf durch ein Interview mit dem Autor in der 3sat-Kulturzeit (siehe Link). Als ich es dann zum ersten Mal vor mir hatte wurde ich von der schönen Ausführung überrascht. Fotos in Kochbüchern wirken ja oft wie eine Mischung aus IKEA-Katalog und sterilem OP. In diesem Fall haben sie den authentischen Charme der Neuen Küche von Paul Bocuse.

Und der zweite

Skeptisch war ich nach wie vor. Das Hippieske ist mir zwar grundsympathisch, doch das damit oft Hand in Hand gehende Esoterische bei gleichzeitigem Fehlen tiefgehender gesellschaftlicher Analyse, ist nicht meins. Doch dass das Buch nicht in dieses Vorurteil passt, war schnell klar – bereits auf einer der ersten Seiten deutete es sich an. Ein Bild, der Autor Wam Kat neben einem Marktstand, einen Apfel in der Hand. Bildunterschrift: „Auf dem Markt kannst du oft günstiger einkaufen als im Geschäft – regionaler sowieso“. So weit, so banal. Das könnte in jedem Bio-Kochbuch stehen. Ein Detail sprengt allerdings diesen Rahmen, das furchtbarste Missile, das der Bobo Bio-Szene noch an den Kopf geschleudert worden ist: das Politische. Angedeutet durch den PDS-Anstecker den der Autor auf dem Bild trägt.

Der Aufbau

Im Grunde ist das Buch eine Biografie (wer jetzt an Bruno Kreisky oder Madeleine Albright denkt tut Buße und trinkt ein Glas Schnaps). Es erzählt, mit zahlreichen Fotos belegt, die Geschichte des Autors Wam Kat. Zu jedem Kapitel und damit Lebensabschnitt (beginnend mit der Kindheit), gibt es ein Rezept. Die Geschichten sind ehrlich und schön, die Rezepte einfach und kreativ. Alle Gerichte sind vegetarisch, meist werden sogar vegane Varianten erwähnt. Nur: Das kann Jamie Oliver auch. Schöne Geschichten erzählen und tolle Rezepte schreiben.

Der Unterschied ums Ganze

Wäre das Buch nicht gleichzeitig auch ein Streiflicht auf die Geschichte der Volksküchen, der Bio- und der sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte. Volksküchen (gerne auch mit x geschrieben) haben sich aus den Demonstrationen und Kundgebungen der neuen sozialen Bewegungen entwickelt. Gegen Atomkraft, Aufrüstung und für Frauenrechte demonstrieren, und von der Polizei Schläge einstecken macht hungrig. Die Burgerbude um die Ecke ist in diesem Fall keine Option. Also begannen Leute wie Wam Kat die kulinarische Selbstorganisation der Bewegungen auf die Beine zu stellen. Gekocht wird für hunderte, vegetarisch und gegen freiwillige Spende. Gerade wenn es im Buch darum geht, ist es am stärksten: Wam Kat, der erzählt wie er die Volksküche Rampenplan gründete, der als Friedensaktivist ins kriegsgebeutelte (Ex-)Jugoslawien fährt, der von den Erlebnissen mit der Polizei bei den Großdemonstrationen in Heiligendamm 2008 berichtet.

Do it yourself

Dogmatismus ist in der Küche fast noch schlimmer als in politischen Fragen. Kochen heute heißt viel zu oft gesellschaftliche Normen zu reproduzieren. So kocht „man“ und nicht anders, das ist die „österreichische“ und das die „steirische“ Küche. Die 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung sind da viel verspielter und selbstkritischer. Sie verstehen sich als Vorschläge, als Ausgangspunkte, die nach Lust und Laune variiert werden sollen. Und auch wenn die Rezepte aus der Tradition der Volksküche kommen, und sich zum Stopfen von hunderten Mäulern bewährt haben: Die Mengenangaben sind nur für spießige vier Personen. Hinzu kommen zahlreiche Tipps zur kulinarischen Selbstverwirklichung. Wie backe ich Brot, stelle Joghurt, Sojamilch und Tofu her, welche Wiesenpflanzen kann ich grasen?

Resümee

Rezensionen wie diese – und in diesen Belangen bin ich, soweit ich mich erinnere, ja noch geradezu jungfräulich – enden gerne mit ein paar zusammenfassenden Worten, einer letzten Verhaltensanweisung für den/die LeserIn. Eine schöne Sache wie ich finde, also bitte.
Das Buch ist eines: sympathisch, und dabei noch hilfreich. Das Buch ist eines nicht: ein Kochbuch. Aber es erzählt seine Geschichte, die die Geschichte des Autors, aber auch die Geschichte der sozialen Bewegungen der vergangenen 40 Jahre ist, ausgesprochen gut. Wer es noch immer nicht kapiert hat: Es ist eines der Bücher, bei denen man traurig ist, weil sie so schnell aus sind. Also stehlen, schenken, raubkopieren. Oder einfach kaufen.

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