Surfen an der Lower East Side Europas

Inke Arns / Andreas Broeckmann (Berlin / Rotterdam) 

  

Das Internet, von US-amerikanischen Militärstrategen erfunden und von Wissenschaftlern, Medienaktivisten und kommerziellen Anbietern zu einem immensen, internationalen Kommunikationsnetz ausgebaut, dringt langsam auch nach Osteuropa vor. Telefonverbindungen werden verbessert, bezahlbare Computer erreichen den Konsumentenmarkt, lokale BBS-Systeme werden zu grösseren Komplexen verknüpft und an das Internet angeschlossen – Osteuropa geht online. 

Damit kommt ein alter Traum europäischer Intellektueller seiner Verwirklichung wieder mal ein Stück näher – obwohl die Erfahrungen dieses Jahrhunderts gezeigt haben, dass diese Entwicklung sich durchaus auch wieder umkehren kann: Auf dem Internet entsteht, wie in einem kleinen Biotop, ein Europa der offenen Kanäle, des freien kulturellen Austauschs, der die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen anerkennt, dabei aber die trennenden, nationalen Territorialgrenzen ignoriert. Wer die Tücken der Computersoftware und der Modemverbindungen akzeptieren kann, und wer der neuen Bastardsprache des Euro-English mächtig ist – jenes Englisch, das Russen, Spanier und Niederländer teilen und das den Muttersprachlern Zähneknirschen bereitet -, der kann auch in Osteuropa schnell einen Teil der neuen, translokalen Internetgemeinschaft ausmachen. 

 

Das Internet ist nicht nur eine technische Struktur, sondern auch ein Netzwerk von Menschen, die in vielerlei Projekten und Initiativen neue Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit entwickeln. Brechen wir also auf zu einem Streifzug entlang einiger Knoten der neuen europäischen Netzwerke. 
  

Connect: Zagreb ruft Belgrad 

Noch bevor der Krieg im zerfallenden Jugoslawien tatsaechlich ausbrach, wurde die Kommunikation zwischen den Republiken innerhalb kurzer Zeit bis zur Unmöglichkeit erschwert. Telefonate zwischen Serbien, Kroatien und Slowenien waren nur noch nach Mitternacht, später überhaupt nicht mehr möglich. Familien, Freunde und unabhängige Gruppen, die in verschiedenen Landesteilen lebten und die wie auch sonst überall üblich die selbstverständlichsten Kontakte unterhalten hatten zwischen Belgrad, Ljubljana, Zagreb und Sarajevo, konnten nicht mehr direkt miteinander telefonieren, geschweige denn von einer Republik in die andere reisen.  

Im Sommer 1991 fuhr der Amerikaner Eric Bachman, der schon seit Jahren beim unabhängigen Medienkollektiv Foebud in Bielefeld arbeitete, nach Zagreb, um dort mit den Friedensgruppen über die Koordination der Kommunikation und gemeinsamen Friedensaktivitäten zwischen unabhängigen Gruppen im ganzen ehemaligen Jugoslawien zu sprechen. Zuerst wurde ein Fax-Netzwerk eingerichtet, bei dem z.B. serbische Gruppen ein Fax nach Deutschland oder Österreich schicken konnten, von wo aus es nach Zagreb weitergeleitet wurde. 

Nach dem gleichen Prinzip wurden bald darauf lokale BBS-Systeme in den verschiedenen Städten miteinander verbunden. Mit Bachmans Hilfe wurden in Zagreb und Belgrad, später auch in Ljubljana, Sarajevo, Tuzla, Mostar usw. Server eingerichtet, die gemeinsam das ZaMir Translocal Network (ZTN) bildeten, wobei ZaMir 'für Frieden' bedeutet. Über das ZaMir-Netz können E-Mail und andere Daten ausgetauscht werden, ohne dass man auf stabile Telefonleitungen angewiesen wäre. Als wichtigster Knoten des Netzes dient bis heute der Bionic-Server von Foebud in Bielefeld, über den die verschiedenen jugoslawischen Städte miteinander in Kontakt treten. Mehrmals täglich wählen sich die lokalen Server per Modem in Bielefeld ein, schicken E-Mail weg und holen die neu eingetroffenen, für sie bestimmten Datenpakete ab. Bionic schickt die E-Mail heraus, die nach ausserhalb des ZTN gerichtet ist und deshalb über das Internet weitergeleitet werden muss, und verwahrt die Nachrichten, die für die anderen ZaMir-Stationen bestimmt sind, bis diese sich das nächste Mal einwählen. 

Das System erlaubt kein Online-Surfen auf dem Internet oder Dienste wie IRC-Chats oder FTP, ermöglichte aber einen weitgehend kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen den vom Krieg getrennten Menschen im ehemaligen Jugoslawien. Ein Beispiel dafür, wie hierdurch alte Kontakte erhalten und neue aufgenommen werden konnten, sind die Electronic Witches, ein Netzwerk von Frauen, das sich innerhalb von ZTN bildete. Seit 1994 hat dieses Projekt dafuer gesorgt, dass viele Frauen das Internet zu nutzen begonnen haben, die nun innerhalb des elektronischen Gesprächsforums viele Fragen über die Lebenssituation von Frauen in den ehemaligen jugoslawischen Republiken und darüber hinaus diskutieren konnten. Auch wenn ZTN keine 'echte' Internetkommunikation war, exemplifizierte es doch, wie das Netz von den amerikanischen Strategen ursprünglich gedacht wurde, nämlich als flexibles, strategisches Mittel, das in Konfliktsituationen Informationen schnell und sicher zu übermitteln hilft, und das auch dann weiter funktioniert, wenn einzelne Knoten im Netz ausfallen. Und wenn der direkte Weg zwischen Zagreb und Belgrad versperrt ist, dann wird eben über Bielefeld umgeleitet. 

Neben seiner Funktion als regionales Netz und unabhängige Infrastruktur hat ZaMir auch dafür gesorgt, dass viele Nachrichten über Ereignisse waehrend des Krieges schnell an die Öffentlichkeit gelangt sind. Wam Kat, ein niederländischer Aktivist, der in Zagreb für ZaMir arbeitet, führte lange Zeit ein Tagebuch, in dem er die Situation vor Ort schilderte und so eine andere Sicht auf die Dinge vermittelte – als überzeugende Alternative zu den CNN gefilterten Nachrichten. 

ZaMir ist auch im Sommer 1997 noch einer der wichtigsten Kommunikationskanäle vor allem in und nach Bosnien. Das Ende des Krieges hat die Situation zwar leicht verbessert, die Telefoninfrastruktur wird aber noch lange so schlecht sein, dass ein normaler Internetverkehr weiterhin auf sich warten lassen wird. Zwischen der Freien Universität in Amsterdam und der Universität in Sarajevo ist 1997 eine Satellitenverbindung hergestellt worden, die aber nicht für jedermann zugänglich ist und die für bürokratische und technische Probleme noch sehr anfällig bleibt. 
  

Error: Sofioter Viren, sibirisches Eis und News aus Baku und Tirana 

Mit der Entwicklung vernetzter Datenkommunikation sind natürlich nicht nur Vorteile verbunden. Bis zu Beginn der 90er Jahre waren Computerviren in den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks vollkommen unbekannt. Man war sogar der Überzeugung, dass es sich dabei um ein originär kapitalistisches Phänomen handelte. Inzwischen allerdings gehören Bulgarien und die ehemalige Sowjetunion zur Weltspitze der Virenproduzenten. Vielleicht sollte man, wie der bulgarische Künstler Luchezar Boyadjiev vor kurzem angeregt hat, Viren als eine Art kreatives Programmieren zu begreifen, als eine kreative Betätigung von Programmierern, denen sonst wenig Freiraum zur Verfügung steht. Jedenfalls zeigt die rasante Verbreitung von Computerviren in Osteuropa an, wie schnell sich das Internet auch dort ausbreitet. Hier kommt ein genuiner Zug des Internet zum Ausdruck: die physische Verbundenheit von Computern in einem techno-ökologischen System. 

Seit langem wird darueber spekuliert, ob das Internet tatsaechlich eine amerikanische Erfindung war, oder ob es nicht auch ein sowjetisches Datenkommunikationsnetz gegeben hat. Kathy Rae Huffman und Eva Wohlgemuth haben im Rahmen ihres Projektes "Siberian Deal" Ende 1995 u.a. das bei Novosibirsk gelegene Wissenschaftszentrum Akademgorodok besucht. Dort befindet sich das 1958 gegründete A.P. Ershov Institute of Informational Systems, das sich in den späten 50er Jahren mit der Entwicklung extravaganter "algorithmischer" Programmiersprachen und seit den 60er Jahren mit theoretischer Programmierung, künstlicher Intelligenz und experimenteller Computerarchitektur beschäftigt. Die Forschungsinstitute in Akademgorodok verfügten Ende 1995 über eine erstaunlich gute connectivity. Nur wüsste, so Huffman, dort niemand so richtig, mit wem oder über was man denn eigentlich kommunizieren sollte! Wenn – wie bei den Wissenschaftlern im abgeschiedenen Sibirien – keine persönlichen Netzwerke und Beziehungen bestehen, nützt auch der beste Internetzugang wenig. Es kann vermutet werden, dass es in der Sowjetunion doch ein dem ARPANET ähnliches militärisches Netz gegeben hat, das aber nie – wie in den USA – öffentlich zugänglich gemacht worden ist. Ein Wissenschaftler aus dem militärisch-industriellen Umfeld wollte die Frage danach nicht verneinen, sondern orakelte: "We just don't know about it." 

Während es in Russland und in einigen der baltischen Staaten inzwischen Server, Provider und eine Menge web sites gibt, sind viele Länder des ehemaligen Ostblocks noch weisse Flecken auf der globalen Karte des Internets. Der Grund für den fehlenden Internet-Zugang in Staaten wie Weissrussland, der Ukraine, Moldawien oder Rumänien ist zumeist in der noch immer vorherrschenden Monopolstellung einiger weniger (zumeist staatlicher) Telekommunikationsunternehmen zu sehen. Drazen Pantic, Internet-Koordinator des Belgrader Radios B92, reiste im April 1997 in die azerbaidschanische Hauptstadt Baku, Stadt der tausend Ölbohrtürme am Kaspischen Meer. Die dortige Zugangssituation ist symptomatisch für viele andere Länder: "The prices are out of reach for individuals. An hour of on-line usage is," – so Pantic -"$6-$8 and the minimal uucp rate one can pay is $600 per month plus additional charges per Kbyte. (…) PTT also sells a 64 kbps Internet service for $12000 monthly. So, the exclusive users there are oil companies and their employees." In Azerbaidschan werden sich Computerviren demzufolge hauptsächlich auf die Computer der Ölgiganten stürzen. 

Auch in Albanien sind Internetzugänge spärlich gesäht. Neben den üblichen schlechten Telefonleitungen gibt es einen einzigen Server, UNDP, der Universitäten und NGOs vernetzt. Privatpersonen haben zu diesem Server keinen Zugang. Und ein AOL account in der Schweiz ist wegen der hohen internationalen Telefonkosten unbezahlbar. Und doch war in den ersten Tagen des albanischen Ausnahmezustandes Anfang 1997 der Austausch über E-mail eine der wichtigsten Informationsquellen, denn oppositionelle Radiosender und Zeitungen waren von der Regierung mundtot gemacht worden. Die wenigen Leute, die e-mail nutzen konnten, reichten die Informationen über die Vorgänge an andere – on- wie off-line – weiter. 

Vorsicht war jedoch geboten, denn man vermutete, dass die von UNDP rausgehende E-mail von staatlicher Seite 'mitgehört' wurde. 
  

KulturTransPort nach St. Petersburg 

Im Juni 1994 fuhr die MS Stubnitz vom ostdeutschen Ostseehafen Rostock aus nach St. Petersburg. Das Schiff hatte früher zur Hochseefischfangflotte der DDR gehört, sollte verschrottet werden, und wurde stattdessen von einer Gruppe österreichischer, schweizer und deutscher Künstler zu einem Kunst-Raum-Schiff umgebaut: ein schwimmendes Medienlabor und Ausstellungszentrum mit Satellitenverbindung für Fernsehen und Internet, Performanceräumen, einer zum Konferenzraum umgebauten Offiziersmesse und Kajüten für mitreisende KünstlerInnen. 

Mit der Stubnitz verband sich die Vision von kulturellem Austausch und kulturellen Begegnungen in Europa, die nationale, territoriale Grenzen ignorieren können und die die Offenheit und Freiheit der Meere zur kulturellen Metapher erheben. Die junge, alternative Kunstszene von St. Petersburg erhoffte sich, wenn schon keine Revolution, so doch einen wichtigen Impuls fuer die künstlerische Arbeit mit neuen Technologien. 

Es wird ein rauschendes Fest während der Weissen Nächte. Alla Mitrofanova und Irina Aktuganova von der Gallery 21 haben Ausstellungen, Performances, Diskussionen, Parties und Konzerte organisiert, die in gedrängter Folge stattfinden und beweisen, dass der Datentransfer noch immer am besten funktioniert, wenn er von wirklichen Menschen vermittelt wird. Innerhalb weniger Tage wird in Petersburg das Tor nach Westen ein gutes Stück weit aufgerissen. Irina Aktuganova sagte später über diese Erfahrung: "The Stubnitz project gave us organizers and many of the participants a gammut of completely new and intense experiences; for the majority of the Russian participants it was the first time in their lives they'd encountered that previously unseen 'Western' reality called the new media." 

Als die Stubnitz wieder in Richtung Westen aufbrach – ihrem allzu schnellen Ende entgegen -, setzten sich einige der Petersburger KünstlerInnen und TheoretikerInnen in den Zug nach Helsinki, wo sich, kaum 400 Kilometer entfernt, im Spätsommer 94 die Internationale Gesellschaft für Elektronische Kunst, ISEA, zu ihrer spektakulären Jahreskonferenz traf. Auch hier spielten das Internet und das World Wide Web als neue künstlerische Medien eine nicht zu übersehende Rolle – kaum überraschend in Finnland, das seit langem als eines der am besten vernetzen Länder der Welt gilt. Für die Petersburger entsteht auf der Konferenz ein reger Austausch mit anderen KünstlerInnen, u.a. mit der lokalen Organisation Muu, der in Helsinki mehr als 200 KünstlerInnen aller Sparten angehören. Muu besitzt eine Website, die Russen haben Ideen und wollen gern auf's Netz – nichts leichter, als ein gemeinsames Kunstprojekt zu machen. Gallery 21 hat ihr erstes Internetprojekt auf einem finnischen Server. 

Das erste unabhängige Petersburger WWW-Projekt reist im Januar 96 auf einer Floppydisk zur Next 5 Minutes-Konferenz nach Rotterdam und wird von Dimitrij Pilikin auf dem Server der V2_Organisatie installiert. Und ab Sommer 1996 gibt es in St. Petersburg ein Internetcafe und kommerzielle Anbieter, die den KünstlerInnen Gelegenheit geben, ihre WWW-Projekte, CUSeeMe-Konferenzen und Online-Diskussionen auf lokalen Servern zu realisieren. 

Konferenzen und Festivals, Workshops und informelle Treffen gehören seit Jahren zu den wichtigsten Katalysatoren der Verbreitung einer alternativen Medienkultur in Europa. Hier treffen sich Gleichgesinnte aus Ost und West, von fern und nah, und verknüpfen lokale Gemeinschaften mit translokalen Netzwerken. Die ZKs der Nettime-Mailingliste, die Metaforum Konferenzen der Media Research Foundation in Budapest, Next 5 Minutes in Rotterdam und Amsterdam, Interstanding in Tallinn und Ostranenie in Dessau – jedes Jahr gibt es reichlich Gelegenheiten, um den Freunden aus Lettland, Ungarn oder Jugoslawien zu begegnen. 
  

A propos Belgrad 

Im Dezember 1996 war die kleine, lokale Belgrader Radiostation B92 der berühmteste Sender der Welt. BBC World Service, CNN, Deutsche Welle, überall berichtete man über die Abschaltung von B92 durch die serbische Regierung. B92 hatte offen die Proteste der serbischen Opposition gegen die Annulierung der Kommunalwahlen unterstützt und war zu einer wichtigen Koordinationsstelle für die Demonstrationen geworden, zu denen sich tausende von Belgradern jeden Tag aufmachten. So liess die Milosevic-Regierung die B92-Frequenz zuerst stören, und dann schliesslich den Sender beim staatlichen Funkturm ganz abschalten. 

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Die Informationen über die Ereignisse waren innerhalb weniger Stunden durch das Internet und durch Telefonnetze verbreitet, und internationale Medien, Journalistenverbände und Regierungen begannen, Druck auf das Milosevic-Regime auszuüben. In diesen Stunden bekam Drazen Pantic, Leiter der Internetaktivitäten von B92, einen Anruf aus den USA von Progressive Networks, dem Hersteller der RealAudio-Software, mit deren Hilfe erstmals Live-Audiosignale in befriedigender Qualität über das Internet ausgesendet werden konnten. Das Angebot war einfach: B92 erhält einen starken RealAudio-Server, mit dessen Hilfe es sein Programm unabhängig von den serbischen Sendeanlagen verbreiten kann, Gegenleistungen keine, ausser dass Progressive Networks auf diese Weise zusammen mit B92 in die Weltöffentlichkeit treten wuerde. 

Innerhalb weniger Tage war der RealAudio-Server bei XS4ALL in Amsterdam installiert, die auch vorher schon eng mit B92 zusammengearbeitet hatten, und das Programm von B92 war fortan nicht mehr nur im Zentrum Belgrads, sondern überall da zu hoeren, wo es einen Internetanschluss gab. Die Website von B92, die seit Herbst 1995 mit Unterstützung der Soros Foundation betrieben wurde, war plötzlich eine der wichtigsten Quellen der internationalen Medien für die neuesten Nachrichten über die Belgrader Winterproteste. Ausserdem erreichte das Programm auf einmal auch die weltweite serbische Diaspora, d.h. viele von denen, die in den vorangegangenen Jahren aus dem Land weggegangen waren. 

Keine drei Tage nach der Abschaltung war B92 auch in Belgrad wieder in der Luft. Mit fadenscheinigen Erklärungen wurde die Unterbrechung auf technische Probleme geschoben, und das Milosevic-Regime rückte einen Schritt näher an die Anerkennung der Wahlergebnisse vom November heran, die im Februar 1997 endgültig erfolgte. Wie immer der politische Konflikt in Serbien sich danach weiterentwickelt hat, B92 hatte mit seinem RealAudio-Programm ein überzeugendes Beispiel fuer die Möglichkeiten des Internet als Rundfunkmedium erbracht, wie auch für die schiere Unmöglichkeit, Internetinhalte von staatlicher Seite effektiv zu kontrollieren. 
  

Spinnen im Budapester Netz 

Seit 1991 hatten ungarische Universitäten und Forschungsinstitute im Rahmen einer staatlichen Infrastrukturmassnahme begrenzten Zugang zum Internet. Da dies jedoch ein begrenzter Zugang für nur wenige war, entwickelte sich in Ungarn mit heute 133 registrierten Bulletin Board Systems (BBS) ein recht grosses Netz von Mailbox-Systemen, von denen sich ungefähr die Hälfte in Budapest befinden. Zu den beliebtesten "store and forward" oder offline Systemen zählen u.a. FidoNet, HappyNet, FreeNet und Green Spider, welches vom regionalen Umweltzentrum betrieben wird und hunderte von Mitgliedsorganisationen mit News und e-mail versorgt. "BBS networks" – so John Horvath -"are an important fabric to the Hungarian world of networking. The problem with the Internet is that it is very slow and anglo-centrist. Hence, Hungary's extensive BBS network acts as an alternative to the Internet." 

1995 änderte sich einiges: Einerseits waren Internet-Zugänge mit dem Internet-Boom von 1995 und dem Entstehen von einem Dutzend kommerzieller ungarischer Internet Service Providers (ISP) leichter und billiger zu haben, so dass viele Mailbox-Betreiber ihre Aktivitäten ins Internet verlegten. Andererseits stattete Bill Gates dem Land höchstpersönlich einen Besuch ab, um endlich dem illegalen Handel mit raubkopierter Software in Ungarn den Garaus zu machen: "The use of illegal software," so der Budapester Journalist Tams Bodoky,"is so widespread, that it is common even in state organisations and offices, and there is a joke about the single copy of Microsoft Word, licensed to 'Hungary'." Auf Gates Besuch folgte eine regelrechte Denunziationskampagne gegen die Benutzer raubkopierter Software, initiiert von der Business Software Alliance (BSA), deren Konsequenzen auch einige Sysops lokaler BBS Systeme zu spüren bekamen. Ein Grund mehr, um sich schleunigst einen Internet account zu besorgen.  

Im ISP Bereich droht jedoch heute durch die Aktivitäten der ungarischen Telekom MATAV, die teils staatlich, zum grössten Teil aber im Besitz der MagyarCom (ein Joint Venture zwischen Deutscher Telekom und Ameritech) ist, eine neue Monopolisierung. MATAV hat bis ins Jahr 2018 das Monopol über alle Leitungen und kontrolliert schon heute den grössten Teil der internationalen Bandbreite in Ungarn. Im Januar 1997 wurde der Access Provider MATAVNet gegründet, der, so wird befürchtet, alle anderen ISPs verdrängen könnte. 

Der Budapester Stützpunkt der in Osteuropa sehr einflussreichen 'Soros Foundation for an Open Society' heisst C3 – Center for Culture and Communication, hervorgegangen Ende 1996 aus dem örtlichen 'Soros Center for Contemporary Art'. Man hat sich dort die Beförderung der Cyberkultur auf die Fahnen geschrieben: aufwendige Präsentationen und Produktionen von Medienkunst- und Netzprojekten. Auch engagiert sich die Stiftung – nicht nur in Budapest, sondern auch in allen anderen osteuropäischen Ländern – im Rahmen ihres 'regional Internet program' für den Ausbau von Internetzugängen und e-mail Kommunikation – allerdings gerade nicht im Sinne der access for all policy, also der Forderung nach allgemeinem Internet-Zugang. Für diese Haltung ist die Soros-Stiftung in letzter Zeit sehr scharf kritisiert worden: "The most common problem is," – so der Amsterdamer Medienaktivist Geert Lovink -"the 'xs4us' policy, the so-called 'closed society'. Their internet is only accessable for officials and 'organisations', not for individuals. This is the essence of the NGO ideology, not specific 'Soros'." Diese 'access for us' Strategie, die auf den Aufbau eines Soros-eigenen Intranetzes abzuzielen scheint, hat schon mehrfach Anlass zu Spekulationen über die wirtschaftlichen Interessen der Soros-Stiftung im osteuropäischen Telekommunikationssektor gegeben.  

Diskussionen wie diese über das Internet, seine Eigenheiten und die damit verbundenen politischen Probleme und Chancen, werden seit 1995 auf der von Pit Schultz (Berlin) und Geert Lovink (Amsterdam) initiierten Nettime Mailingliste geführt. Mit einer inzwischen auf über 450 Abonnenten (Winter 1998: 850) angewachsenen Gruppe von Beteiligten aus allen Teilen Europas und anderen, nichteuropäischen Laendern hat sich hier eine Schar von enthusiastischen DiskutandInnen, KünstlerInnen und MedienaktivistInnen unter dem Banner der 'Netzkritik' zusammengefunden. Bei regelmässigen Treffen und in gemeinsamen Projekten werden diese Ideen auch wieder in gemeinsame Praxis umgesetzt. Auch wegen des Gemeinschaftscharakters – und der völligen Nichtkommerzialität – hat der australische Kulturtheoretiker McKenzie Wark Nettime als "die europäische Antwort auf Wired" bezeichnet. 
  

Ljubljana_West 

Das bislang grösste Nettime Treffen fand im Mai 1997 in Ljubljana statt, wo sich schon vor dem Internet-Hype eine der aktivsten Medienkunstszenen Europas tummelte. Die Existenz seiner umtriebigen Szene hat Ljubljana damit nicht so sehr der Tatsache zu verdanken, dass Slowenien – so der Werbespruch der einheimischen Tourismusbranche – "auf der sonnigen Seite der Alpen" liegt. Vielmehr gab es in der Stadt schon in den 80er Jahren, also zu der Zeit, als Slowenien noch eine Teilrepublik des ehemaligen Jugoslawien war, mit dem Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst (v.a. Laibach), der Industrial-Rockgruppe Borghesia und VideokünstlerInnen wie z.B. Marina Grzinic und Aina Smid eine sehr starke und radikale (Medien-)Kunstszene. Dazu kam, dass das Anfang der 90er Jahre gegründete Soros Center for Contemporary Art (SCCA) in Ljubljana sehr früh die künstlerische Arbeit mit neuen Medien unterstützte. Beim Internet Portfolio Programm (1996) beispielsweise wurde zehn KünstlerInnen aus Ljubljana im Rahmen eines Workshops die Möglichkeit gegeben, sich intensiv mit dem World Wide Web zu beschäftigen, um es besser für die Dokumentation ihrer Arbeit sowie für eigenständige Netzkunst-Projekte nutzen zu können. 

Als Ableger des SCCA wurde 1995 Ljudmila, das Ljubljana Digital Media Lab gegründet. Neben der Organisation öffentlicher Veranstaltungen, Workshops zum Internet, der Zusammenarbeit mit Radio Student – einer der ältesten, noch bestehenden unabhängigen Radiostationen Europas – und Publikationen internationaler MedientheoretikerInnen in slowenischer Sprache verfügt Ljudmila auch über einen Netzserver, auf dem Projekte von KünstlerInnen, unabhängigen kulturellen Organisationen und politischen Initiativen realisiert worden sind. Ausserdem hat Vuk Cosic kürzlich das Projekt "Ljudmila_West" angekündigt, das – in Anlehnung an die auf Kooperation mit osteuropäischen Künstlern ausgerichtete V2_East Initiative der Rotterdamer V2_Organisation – KünstlerInnen aus dem "Westen" finanzielle und organisatorische Unterstützung bei der Realisierung ihrer Projekte im "Osten" bieten soll. Wird der braindrain von nun an ostwärts fliessen? 

Auf dem Server von Ljudmila befindet sich auch ein Zugang zu dem 'intergalaktischen web loop' "Refresh", einem im September 1996 in Rotterdam, Ljubljana und Moskau gemeinsam begonnenen Netzkunstprojekt. Klickt man auf "fresh", so wird man von dem Programm auf eine theoretisch unendliche Internet-Tour geschickt: alle 10 Sekunden erscheint automatisch die nächste Webseite der 'intergalaktischen Achterbahn'. Eine absurde Maschine, die sich die Ästhetik des Maschinischen zu eigen macht. "Refresh" gehört, wie auch die Projekte von Heath Bunting, von Jodi.org, Vuk Cosic und Alexej Shulgin, zu einer netzspezifischen Kunstform, für die in letzter Zeit der Begriff "net.art" geprägt wurde und die schon 1997 auf internationalen Ausstellungen und Festivals vertreten ist. 
  

Riga Cowboys Go West 

Die Türklingel geht, es ist 3 Uhr morgens, 18. September 1996. Vier Gestalten, die durchaus einem Kaurismäki-Film entstiegen sein könnten, schälen sich aus dem Auto, das sie eben von Riga nach Rotterdam gebracht hat. Geht das? Es geht! 

Die vier jungen KünsterInnen kommen zum Treffen des V2_East/Syndicate Netzwerks, einem informellen Verbund von damals rund achtzig Leuten, die in der einen oder anderen Weise mit Medienkultur zu tun haben und die an der Verbesserung der Kontakte zwischen Ost und West interessiert sind. Die Rigaer arbeiten seit Anfang 96 an der Realisierung des E-Lab, einer Werkstatt für Kunst und Medien, die im September 96 noch ein einzelner, kleiner Raum mit zwei Tischen, einem Computer und einem Telefon ist. Das lettische Kulturministerium hat kein Geld, das Projekt zu unterstützen, bei der Soros Foundation, die im gleichen Gebäude sitzt, ist man skeptisch, ob hiervon viel zu erwarten sein wird. An der Kunstakademie gibt es Sympathien, obwohl das nun gerade die Institution ist, von der die E-Lab-KünstlerInnen geflohen sind, weil die Akademie in Bezug auf die Arbeit mit neuen Technologien keine Perspektiven bot. 

Die Idee für das E-Lab war im Herbst 1995 im Nachbarland Estland bei der ersten Interstanding-Konferenz in Tallinn entstanden, wo eine internationale Gruppe von MedientheoretikerInnen und -künstlerInnen zu einem kritischen Meinungsaustausch zusammentraf über die Chancen und Probleme der Informationsgesellschaft, die natürlich auch an den baltischen Ländern nicht vorbeigehen. Für KünstlerInnen aus diesen Ländern wurde neben den aktuellen Debatten zur Medienkultur ein internationales Netzwerk von Leuten sichtbar, an dem sie mitknüpfen konnten. In Riga suchte man sich daraufhin einen Raum und setzte das Gespräch aus Tallinn in wöchentlichen Diskussionsrunden über Kunst, Technologie, Internet und das Cross-Over zwischen diesen Bereichen weiter fort. Schnell entwickelte sich eine kleine, vitale Zelle der Cyberkultur in Riga. 

Kaum ein Jahr später berichten Rasa Smite und Jaanis Garancs in Rotterdam von den ersten Erfolgen des E-Lab. Bald darauf gewährt die Soros Foundation Unterstützung für die Verbesserung der technischen Ausstattung, und das E-Lab nimmt online teil an einer Reihe internationaler Projekte und Netzwerkinitiativen. Noch im November 1996 wird das E-Lab offiziell eröffnet mit einer Konferenz und einem Künstlerfest, zu dem Gäste u.a. aus Moskau, Berlin, Budapest, Amsterdam und London nach Riga reisen. Und im Frühjahr 97 etabliert das E-Lab das Internet-Radio OZOne, eine Website, auf der mithilfe von RealAudio-Software Techomusik, Klangkunst und Sound-Experimente zu hören sind. 

Da das E-Lab noch keinen eigenen Internetserver besitzt, werden die Audiofiles bei XS4ALL (Amsterdam) und beim Radio Internationale Stadt (RIS, Berlin) abgelegt. Das WWW macht es möglich, dass die OZOne-Website gleichzeitig aus Riga und Berlin seine Daten abruft: auf der einen Hälfte des Bildschirms sind die Seiten aus Riga zu sehen mit Informationen über die verschiedenen Programme und Projekte, und in der rechten Hälfte stehen die Seiten vom RIS, wo man durch Anklicken die Audiofiles direkt aus Berlin abfragen  kann. 

Ob das tatsächlich Radio aus Riga ist, darueber streitet das E-Lab sich jetzt mit den lettischen Rundfunkbehörden. Die sagen, dass die KünstlerInnen eine Lizenz brauchen, weil sie Soundfiles öffentlich zugänglich machen – obwohl dies eigentlich in Berlin geschieht, wo doch lettische Rundfunkgesetze kaum wirksam sein dürften. Derlei Auseinandersetzungen zeigen, wie sehr viele Bereiche des Internet noch immer rechtsfrei sind, und wie schnell eine neue Software die Gesetzgeber in Zugzwang bringen kann. Wie lange dieser Schwebezustand noch anhält, und wie lange Radio OZOne senden wird, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Staaten auch das Internet zu einem monopolistisch genutzten Massenmedium machen werden, oder ob es die offene, flexible Spielwiese bleiben wird, die es jetzt in grossen Teilen noch ist. 

Auch wenn das Internet in Osteuropa wegen der ökonomischen, technischen und auch der kulturellen Situation für viele Menschen noch kaum eine Bedeutung gewonnen hat, so gibt es doch eine ganze Reihe von Initiativen, die sich mit dem Interessantesten messen können, was anderswo auf den globalen Netzen getrieben wird. Die Leitungen sind offen, der Kampf um Bandbreiten und besseren Zugang geht weiter. 
 

Texte: 

– Tamas Bodoky, Fear & Loathing in Hungary, Nettime Mailing List, Dec. 19, 1996 <http://www.nettime.org>
– John Horvath, The Soros Network, Nettime Mailing List, Feb. 7, 1997 <http://www.nettime.org>
– Geert Lovink, The Art of Being Independent, Nettime Mailing List, May 13, 1997 <http://www.nettime.org>
– Drazen Pantic, Impressions from non-virtual trips: from Baku hotel to London train, Syndicate Mailing List, April 25, 1997 <http://www.v2.nl/mail/v2east/0036.html>
 

URLs 

"Siberian Deal" von Kathy Rae Huffman und Eva Wohlgemuth <http://netbase.t0.or.at/~siberian
A.P. Ershov Institute of Informational Systems (IIS) <http://xsite.iis.nsk.su/iis/
B92  <http://www.opennet.org
Nettime Archiv, ZK Proceedings  <http://www.Desk.nl/~nettime
New Nettime address <http://www.nettime.org>
V2_East  <http://www.v2.nl/east/> 
Ljudmila  <http://www.ljudmila.org/
E-Lab  <http://www.parks.lv/home/E-LAB/
Metaforum, Media Research Foundation <http://www.mrf.hu>
Interstanding 2, Tallinn, Estonia 1997 <http://www.artun.ee/center/i2/index.html>
Ostranenie Festival an der Stiftung Bauhaus Dessau <http://www.ostranenie.org>

 

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