skug-wam

Volxskueche mit Rampetto

skug-wam

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Wam Kats Kochbuch im Widerstand. Was nur Fressen im aktivistischen
Alltag draußen?

Vor allem: Wenn eine Gebietsbesetzung, eine Demonstration oder ein Kongress länger dauern als die paar Minuten eines Nachmittags. Der X-Ray-Spex-Mythos der »Warriors at Woolworth‘s« lässt sich in den seltensten Fällen in die Realität umsetzen. Da hat die Wiederbelebung der Volxküche schonihr Gutes. Doch, was da so lässig daherkommt, muss höchst professionellaablaufen. Schließlich geht es um Massenausspeisung in allerkürzester Zeit.Zugleich: Um Szene-Catering mit kritischer Praxis.

ROLAND SCHÖNY / FOTO skug (Wien, 10/2008)

 

Generierung kritischer Essgewohnheiten
Auf allerhöchstem Niveau betreibt dies der niederländische Koch, Journalist und linke Vegetarier Wam Kat seit fast drei Jahrzehnten. Als Koch interessierteer sich für die Dimensionen kleiner Empfänge selten. Wam Kat lernte in derGrößenordnung von Massenbewegungen denken. Dafür verschaffte er sich bereits in den 1980er Jahren die Grundlagen und ließ in der CSSR 10.000Kaffeetassen für seine aktivistische Großküche erzeugen. Teller kamen aus Polen. Heute klingt das skurril und fantastisch. Selbstverständlich auch widersprüchlich.
Weil indirekte Kollaboration mit dem autoritären kommunistischen Regime. Um alternativ-kritische Bewegungen im Westen zu unterstützen undkulinarisch zu begleiten, konnte Wam Kat seine COMSOMOL-Mitgliedschaftnützen. Aber es ging ihm um die Generierung kritischer Essgewohnheiten vor dem Hintergrund der New Economy des Spätkapitalismus.Gar nicht so einfach dieses Unterfangen, wenn man sich vergegenwärtigt,welch gebrochenes Verhältnis Linke, Alternative, Radikale und Punks zu Genuss, Geschmack- und Esskultur hatten. Ausgenommen natürlich die Exlinken,die sich ihre Bäuche in der sonnigen Dekadenz der Toskana vollschlagen.Schnell mal eine Schokolade aus dem Supermarkt rein gestopft; Snacks, Cola, Red Bull, Bier literweise und dann vielleicht noch Würstel oder Burger. Alles,was die masochistische Lebenskultur im Zivilisationsmüll so alles zu bietenhat. Den Weltimperialismus des Geschmacks und der Verwertungszusammenhänge im Bauch. Aber politisch emanzipatorische Praxis predigen. Irgendwasgeht da nicht zusammen.

Eine Möglichkeit dagegen, im Dreischritt der Dialektik eine Geschmacks-Perspektive mit vegetarischem Fundament zu entwickeln, wäre Wam KatsKartoffelsuppe für 300 Leute. In diesen Mengen macht ihm Kochen so richtigSpaß. Da könne man so richtig nachwürzen, wenn was fehle, meint er, experimentieren eben. Jedenfalls sei die Kartoffelsuppe der Heuler schlechthin beizahlreichen Großveranstaltungen, zu denen er als Koch eingeladen wird.Koch-Ethik aus dem Herzen Nur allzu schnell kippen solche Bestrebungen in biedere Ideologie des Geschmacksund korrekten Einkaufs wie im Kontext der – durchaus berechtigten– Slow-Food Bewegung zu beobachten ist. Selbst wenn das ein wenig zugespitzt und beinahe dogmatisch klingt: Wam Kat versucht aus dem Herzenheraus zu kochen, einigermaßen reflektiert einzukaufen und anderen durchdie Forcierung der Idee, einfach umsetzbarer, leckerer vegetarischer Speisen Freude zu bereiten. Es geht um die Entwicklung einer Ethik, wie sie Michel Foucaultim dritten Band von »Sexualität und Wahrheit« vertritt. Um »Die Sorgeum sich« als kritische Distanz zum Big Business der globalen Lebensmittelkonzerne
und Schlachtbanken.
In einem sympathisch persönlichen Buch erzählt Wam Kat seine jeweils politisch aufgeladenen Geschichten rund ums Kochen und die Entwicklung seinerArbeit von der Amsterdamer Hausbesetzerbewegung über die Anti-Atombewegungder 1980er Jahre, von Flüchtlingslagern im Balkankrieg und dem G8-Gipfel in Heiligendamm. Gespickt sind seine kurzweiligen Erzählungen mit Rezepten für einen »Friedensburger«, einen »Rampetto« oder das Menü »Yugo55«.
Die Rezepte sind naturgemäß einfach, die Ideen dafür kommen aus verschiedenen regionalen Kontexten der Welt. Eine Ars Kombinatoria für AnfängerInnenund alle jene die gerne mitschmecken wollen, was es im Kontext vonWiderstand Gutes gab und gibt. Let‘s taste disobedience.

Wam Kat: »24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

Kommentar verfassen

Scroll to Top