Vom Gewaltkult zur Guetekraft

Die Geschichte wird unsere Zeit als eine Epoche der gigantischen Gewalt sehen, von Auschwitz und Atombombe bis zu Krimikultur und Krieg der Sterne. Gleichzeitig aber hat sich quer zum Gewaltkult eine Kraft herausgeformt, die zum Kristallisationskeim einer wesentlichen Veränderung werden kann: Die aktive Gewaltfreiheit ist von einem Ideal, das lange nur als Wunschtraum oder theoretisches Gebot abgetan wurde, zu einer realen Tat-Kraft gereift

Birgit Berg

 

Page 1Beispiele und Aspekte einer neubenannten Qualität.

Gewaltfreier Widerstand hat Diktatoren gestürzt Kriege verhindert

2und

Umweltzerstörungen gestoppt

. Von Medien und Geschichtsbüchern noch kaum entdeckt, hat
die neue Geschichte bereits begonnen, mit Tausenden von gewaltfreien Ereignissen weltweit.
Sie handelt nicht mehr von Herrschern und Schlachten, sondern von Bewegungen und
Aktionen

von den 'Reisen durch Mauern' beispielsweise, mit denen 'Bürgerdiplomat/innen'

1

Sider/Taylor “Nuclear Holocaust and Christian Hope“, Downers Grove, Ill.: 1982, S. 25:
“Gewaltlose Generalstreiks haben mindestens sieben lateinamerikanische Diktatoren
gestürzt: Carlos Ibanez del Campo in Chile (1931), Gerardo Machado y Morales in Cuba
(1933), Jorge Ubico in Guatemala (1944), Elie Lescot auf Haiti (1946), Arnulfo Arias in
Panama (1951), Paul Magliore auf Haiti (1956), Gustavo Rojas Pinilla in Kolumbien
(1957)”. Gewaltfrei gestürzt wurden auch 1944 die Diktatur in El Salvador (Gernot Jochheim
“Die gewaltfreie Aktion“,Hamburg 1984, S. 222 ff), 1979 im Iran (ebd. S. 225 und Daniel
Ellsberg “Entwaffnen durch Verbreiten der Wahrheit“, Die Grünen, Bonn 1982, S. 27) und
1986 auf den Philippinen (DER SPIEGEL Nr. 10/1986 S. 5: “Wunderrevolution”. Hildegard
Goss-Mayr “Wie Feinde Freunde werden” Freiburg 1996 S. 169-195). – Durch Generalstreik
und Zivilcourage der Beamten wurde der Militärputsch von Kapp und Lüttwitz gegen die
Weimarer Republik vom März 1920 innerhalb von vier Tagen abgewehrt; vgl. Johannes
Erger, Der Kapp-Lüttwitz Putsch, Düsseldorf 1967. – Dem Sturz der DDR-Regierung und
Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 gingen jahrzehntelange Arbeit oppositioneller
Gruppen, zunehmende Mahnwachen, Fastenaktionen, “Informations-Gottesdienste“,
Massenflucht, Runde Tische und “Montagsdemos“ von Hunderttausenden voraus. s. Charles
Schüdekopf Hrsg. “Wir sind das Volk!“ Flugschriften, Aufrufe und Texte zu einer deutschen
Revolution”, Reinbek 1990; vgl. auch Erhart Neubert “Geschichte der Opposition in der
DDR 1949-1989”, Berlin 1997

2

D. Stefan Matzenberger “Pazifismus im Atomzeitalter – Kriegsverhinderung durch
Friedensaktivität” Wien 1979, S. 72 – 112. Generalstreiks sind u.a. zur Verhinderung von
Kriegen ausgerufen worden, so etwa 1917 in Argentinien. Die Drohung mit einem
Generalstreik reichte aus, um Lloyd George 1920 davon abzubringen, den Russen den Krieg
zu erklären.“ (April Carter “Direkte Aktion. Leitfaden für den Gewaltfreien Widerstand“,
Reihe Konstruktiv, Berlin 1981, S. 54). – Der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, z.B. die
Desertion von 100 000 US-Soldaten 1970, hat die USA “tatsächlich gezwungen, aus Vietnam
abzuziehen“ (Ellsberg, a.a.O.) und die Dauer des Kriegs um fünf Jahre verkürzt“ (Harald
Kater “Widerstand in der US-Armee. GI-Bewegung in den 70er Jahren“,Berlin 1985); s. a.
Franz Weber “Gewalt und Gewaltlosigkeit – Handbuch des aktiven Pazifismus” Zürich,
Leipzig 1928; Richard Gregg “Die Macht der Gewaltfreiheit” Gladenbach 1982, 4. Aufl.

3

u.a. Jochheim a.a.O. S. 157 ff

4

150 gewaltfreie Ereignisse des Zwanzigsten Jahrhunderts in Arbeitsmappe “Weltkarte der
Hoffnung“, Wortwerkstatt Poesie & Politik, Freiburg 1999. Zahlreiche Beispiele
veröffentlichte die Zeitschrift “Graswurzelrevolution“ seit ihrem ersten Erscheinen 1972.


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die Aufhebung des Eisernen Vorhangs einleiteten

… von den tausend Sprengschächten
entlang der innerdeutschen Grenze, die in einer einzigen Nacht zubetoniert wurden

… von
Hunderten Sonnenblumen, die aus den Sandsäcken des Kriegs in Zagreb wuchsen

… von den
Pflügen und Pflanzen, mit denen lateinamerikanische Bauern und Bäuerinnen ihr Land
zurückeroberten

Die realistische Handlungskraft der Gewaltfreiheit geht weit über bloßen 'Gewaltverzicht'
hinaus – sie reicht von der persönlichen Schlagfertigkeit ohne Schläge bis zu politischen
Kampagnen und Friedenkonzepten. Sie entwickelte pfiffige Fantasie ebenso wie
Arbeitsprogramme mit Methoden, Seminaren und Projekten – ein konkretes “Know how“ mit
Geheimniskern.
Indem nun ein ungewöhnliches und umfassendes Forschungsvorhaben gestartet wird, soll
ein spannender Klärungsprozess in Gang gesetzt werden.
Er kann dem Thema neu Öffentlichkeit verschaffen. Wenn die Medien gewaltfreie
Ereignisse verbreiten würden wie bisher nur Mord und Totschlag – dann könnten diese
überraschenden Beispiele anstecken und einen wesentlichen Bewusstseinswandel auslösen.
Vor allem kann das Projekt eine seriöse Grundlage bereiten, durch die Konzepte und
Modelle für Alternativen zum Krieg ernster genommen werden als bisher. Denn erst wenn sie
mit ebensoviel Mitteln ausgestattet werden wie bis jetzt nur das Militär – wird der Vergleich
der Wirksamkeit von gewaltfreier oder gewaltsamer Konfliktaustragung objektiv. Und erst
wenn die 'gütekraftvollen' Möglichkeiten ebenso vorgeführt und eingeübt werden wie bis jetzt
nur der Waffengebrauch – können sie von gewagten Einsprengseln in den Gewaltkult zu
einem prägenden Gesellschaftsfaktor werden.

Am Anfang stehen Fragen

Noch ohne wissenschaftlichen Anspruch sollen Beispiele die Fragestellung eröffnen. Wie
können Menschen Veränderungen ohne Machtmittel durchsetzen? Wie wirkt diese Kraft?
Durch moralischen Druck, Umwandlung, Überredung oder Überzeugung

.
Worauf beruht es beispielsweise, dass entgegen jedem Wildwest-Klischee die Quäker
mitten in den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen bei offener Tür unbewaffnet tagen
konnten und nicht überfallen wurden, sondern dass die feindlichen Indianer ihre “scalping
tomahawks“ weglegten und sich friedlich zu ihnen setzten

? Weshalb befahl der
Kommandant eines Kriegsschiffs, das zum Plündern der Insel Nantucket angelegt hatte, den
Fundgruben sind auch: Archiv Aktiv (Sternschanze 1, 20357 Hamburg); Verlag Weber, Zucht
& Co (Steinbruchweg 14. 34123 Kassel-Bettenhausen); Verein für Friedenspädagogik
(Bachgasse 22, 72070 Tübingen), z.B. Günther Gugel “Wir werden nicht weichen“ Tübingen
1986; Fry (s. Anm.10) sowie: “Stone soup for the world. Life-changing stories of kindness an
courageuos acts of service”, collected by Marianne Larned, Berkeley, California 1998

5

“Journey through a wall. A Quaker mission to a divided Germany“, American Friends
Committee, Philadelphia 1963

6

Die Welt v. 17. 9. 1984

7

Aktion des holländischen Soziologen Wam Kat, dessen tägliches Internet-Tagebuch aus dem
Kriegsgebiet die Projekte “Suncocret“ und “Balkan Sunflowers“ bekanntmachte:
internationale Freiwillige lindern die Flüchtlingskrise im Balkan und helfen bei
Wiederaufbau und Versöhnung (Postfach 1219, D-14806 Belzig)

8

Hildegard Goss-Mayr “Geschenk der Armen an die Reichen“Wien 1979, S. 113-119

9

George Lakey “Non violent action. How it works“ Pendle Hill Pamphlet 129, Wallingford
Pennsylvania 1963, S. 9

10

A. Ruth Fry “Victories Without Violence“ Liberty Literary Works, Ocean Tree books, Santa
Fe 1986 S. S.18


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Rückzug, als der erste Bewohner ihn in sein Haus einlud und bat, hier mit der Plünderung zu
beginnen

? Wieso zogen im jugoslawischen Krieg die Panzer aus einem Dorf in Serbien ab,
das geschlossen den Kriegsdienst verweigerte und eine “geistige Republik“ ausrief

?
Aber: Fällt Ziviler Ungehorsam auch unter den neuen Begriff – etwa das Aufschneiden
von Stacheldrahtzäunen, Hämmern auf Atomwaffen, Bepflanzen von Militärgelände

Gütekraft mit Biss? Und: war es auch “gütekräftig“, dass die englische Polizei Anfang der
30er Jahre beschloss, ihre Bewaffnung abzuschaffen

, oder dass in unseren Tagen ein
Kaufmann den Einbrecher, der mit vorgehaltenem Revolver eine bestimmte Summe verlangte,
zu einem Drink einlud und herunterhandelte

? Müssen wir nun unterscheiden zwischen
pragmatischer Gewaltfreiheit und ethisch motivierter Gütekraft? Oder lassen sich gemeinsame
Nenner herausarbeiten?
Und zur Motivation: Warum handelt ein Mensch gewalttätig oder 'gütekräftig'? Kann die
“innere Stimme“ erforscht werden? Wie stehen soziologische Forschungen an Tausenden, die
gleichgültig Hilfeleistung unterlassen, zu praktischen Erfahrungen einer Bewegung, in der
sich Zehntausend freiwillig wegen gewaltfreier Aktionen vor Gericht stellen lassen

?
Vor allem: Was macht das gewisse Etwas des gütekraftvollen Umwandlungsprozesses
aus gegenüber passiver Gewaltlosigkeit, bei der man bloß ohne Waffe ist, so wie man bei
Regen den Schirm vergessen hat?

Spannbreite von aktiv bis langmutig

Als Einstieg hier eine kleine Auswahl von Beispielen, strukturiert nach verschiedenen
Aspekten und Merkmalen – sie sollen die Spannbreite des “Stoffes“ skizzieren, der auf
Gütekraft forschend abzuklopfen ist.
Aktiv
'Gütekraft' ist aktive Gewaltfreiheit, nicht passives Hinnehmen. Sie macht nicht “gute
Miene zum bösen Spiel”, sondern deckt es auf. Der Gewalt begegnet sie – statt mit
Gegengewalt – mit Geist und Charakter.
Eine Passantin sieht, wie eine Frau belästigt wird – statt hilflos weg zu sehn, geht sie auf
die Szene zu, begrüßt die Frau wie eine alte Bekannte und zieht sie in eine Kneipe – der
Angreifer verdrückt sich verdutzt

.
In den Schriften der “Arche

, einer gewaltfreien südfranzösischen Lebensgemeinschaft,
findet sich ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Mitten unter der Folter besinnt sich eine

11

ebd. S. 19

12

Dorf Tresnjevac / Oromhegyes seit Mai 1992, “Aktiv Gewaltfrei“, Mitteilungen der
Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden, 4/94

13

Wolfgang Sternstein “Abrüstung von unten. Die Pflugscharbewegung in den USA und in
Europa“ Stuttgart 1986; und: EUCOMmunity, Ohne Rüstung Leben (Hg.) “Die
EUCOMmunity. Initiative für eine atomwaffenfreie Welt. Eine Dokumentation” Stuttgart
1997 (Adr. s. Anm. 75)

14

Fry a.a.O. S. 43

15

“Le Progrès“ Saone-et-Loire v. 28.8.1999

16

Bühler-Stysch/Menzel Hrsg. “Im Namen des Volkes? FriedenstäterInnen im
Gefängnis“Kassel 1988; Berg “Gericht und Gewissen“ Wortwerkstatt, Mutlangen/Simmern
1987. – Dokumentationen vieler Pershing-Prozesse: Komitee für Grundrechte und
Demokratie e.V., Aquinostr. 7-11, 50670 Köln, und Carl-Kabat-Haus, Mutlangen

17

“Lichtblick als Souvenir“ Internationaler Versöhnungsbund Schweiz, St. Gallen 1994, S.
12 nach Frankfurter Rundschau v. 18.11. 92

18

Arche-Rundbrief, Bezug: Britta Lauber, Birkenstr. 25, 84032 Landshut


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Friedensaktivistin, die im Algerienkrieg verhaftet wurde, auf eine gewaltfreie Körperhaltung,
die sie als “Arche-Bewohnerin gelernt hatte. Sie richtet sich auf, hebt den Kopf und wendet
die Handflächen nach oben – eine Haltung, die ebenso Waffenlosigkeit und bewusstes
Nichtangreifen signalisiert wie Standhaftigkeit. Aufrecht blickt sie ihrem Folterer in die
Augen – und der wendet sich von ihr ab.
Aktiv gewaltfrei auch folgende Aktionen – auch gütekräftig?
Um ein geplantes Bleiwerk im elsässischen Marckolsheim zu verhindern, springt die
Bevölkerung in die Bohrlöcher für die Einzäunung

… So wie Nonnen in den USA die
Chefetage eines Rüstungskonzerns besetzten, besteigen Frauen im Hunsrück den hohen
Baukran eines Atomraketenlagers

. “Vorige Woche sind wir zu den Trident-Atom-U-Booten
hinübergeschwommen, haben ihnen einen völlig friedlichen Besuch abgestattet und dann ganz
gewaltfrei den Bordcomputer dem Meer übergeben“

Nichtverletzend
Das konsequente Nichtverletzen, das Grundvoraussetzung von Gewaltfreiheit/Gütekraft
ist, tritt aus dem Dilemma Gewalt-oder-Ohnmacht hinaus zu neuen Möglichkeiten.
Auf die nordbrasilianische Stadt Crateus zu wandern im März 1981 Tausende
Hungernder wegen einer Dürrekatastrophe auf dem Land. Die Bevölkerung verriegelt aus
Angst vor Überfällen Geschäfte und Haustüren, die Stadtverwaltung gründet ein “Komitee
zur Verteidigung der Bürger“, bewaffnete Polizei beginnt die Hungernden mit Schüssen zu
vertreiben. In dieser Situation beginnt ein engagierter Padre eine Fastenaktion – “Wir müssen
den Hunger gerechter verteilen“ -, am zweiten Tag geben 500 Fastende Zettel aus mit dem
Text “Offene Tür für Hungernde“, die nach und nach an tausenden Haustüren hängen. Die
Lebensmittel werden geteilt, die Atmosphäre verändert sich völlig, die Waffen werden unnütz,
am fünften Tag beginnt es zu regnen; schließlich stimmt die Regierung dem von den
Betroffenen erarbeiteten Strukturprogramm zu, durch das sie Bewässerungsanlagen u.a.
selbst errichten können….

Freiwillig
Solche Handlungen basieren auf bewusster und persönlicher Entscheidung, nicht auf
Kommando. Sie entspringen einem eigenen Klärungs- und Entwicklungsprozess.
Besonders deutlich wird das bei Personengruppen, die sich sogar gegen ihren Vorteil zu
einer Gewissensentscheidung durchringen: Aus Gewissensgründen kündigte 1960 der Leiter
des Atomreaktors Geesthacht bei Hamburg mit seiner gesamten Belegschaft und legte den
Reaktor einstweilig still

.
Zur Zeit der Pershing-Stationierung schlossen sich selbst Bundeswehroffiziere und
kritische Polizisten gegen die sogenannte “Nachrüstung“ zusammen (“Darmstädter Signal“

19

Film “S'Weschpenäscht. Der Widerstand gegen das AKW in Wyhl“ Medienwerkstatt,
Freiburg 1982

20

“Frauenwiderstand im Hunsrück. Frauengeschichte(n) 1983-1985“ Selbstverlag
Frauenwiderstand, Frankfurt 1985, Titelseite

21

Trident-Pflugschar-Bewegung Schottland, mündlicher Bericht von Dirk Grützmacher im
Workshop “Bomben zu Pflugscharen“ der Wortwerkstatt auf dem 28. Dt. Evang. Kirchentag
Stuttgart, 18. Juni 1999

22

nach einem Bericht von Hildegard Goss-Mayr, “Konstruktiver Katalog I“ (I u. II mit über
400 gewaltfreien Aktionen) Birgit Berg Hrsg. 1982, 1983,

23

Ernst Jäckel “Tödlicher als die Bombe. Atomkraft kostet Lebenskraft“ München 1969, S.
116


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bzw. “Hamburger Signal“)

, und Richter setzten sich in Mutlangen vor die Pershing-II-
Atomraketen als “Juristen-Blockade“

.
Australische Arbeiter verhinderten in der Kampagne “Green Bandurch organisierte
Arbeitsverweigerung über 40 umweltzerstörende Großbauprojekte, unter anderem ein
Atomkraftwerk bei Melbourne

An die Wurzel gehend
Gütekraft zielt nicht auf den Effekt, sondern auf den Kern des Problems. Aus den
Ursachen und der Frage nach der 'Nachricht des Konflikts'

ergeben sich die
Lösungsmöglichkeiten.
Als Anfang der 50er Jahre kurz nach dem Koreakrieg der Einsatz der US-Atombombe
gegen China erwogen wurde, ging der Internationale Versöhnungsbund den Hintergründen
der Spannungen nach und erfuhr, dass in China eine Hungersnot war. Darauf initiierte er
eine Aktion: über 45 000 Amerikaner schickten an ihre Regierung kleine Reissäckchen mit der
Aufschrift: “Wenn Dein Feind hungert, gib ihm zu essen. Schicken Sie überschüssiges
Getreide nach China”. Später wurde bekannt, dass die Aktion bei der Entscheidung unter
Präsident Eisenhower den Ausschlag gegeben und einen Krieg mit China verhindert hatte

Vielfältig
Gütekraft, die von Gewalt befreien will, ist umfassend. Sie nimmt sichtbare und
unsichtbare Gewalt in allen Bereichen wahr und hat deshalb vielfältige Konsequenzen, von
Einzelnen bis zu Gruppen und Völkern, von Be- und Erziehung bis zur Lebensweise. Sie
prägt sich in allen Teilen der Welt und allen Situationen immer anders aus:
von der kalifornischen Bevölkerung, die 1876 angreifende chinesische Kriegsdschunken
so gastfreundlich empfing, dass sich die Krieger dort ansiedelten

… bis zu den Heilbronner
BürgerInnen, die 1848 die einrückenden Regierungstruppen bewirteten und damit
kampfunfähig machten, “trunken vor Feindesliebe“

und in unserer Zeit von den vier Bergarbeiterfrauen in Bolivien, die durch eine
Fastenaktion die Freilassung ihrer Männer und hunderter weiterer politischer Gefangener
erreichten

… bis zu den Bewohnern Neu-Kaledoniens, die unbewaffnet auf die französischen
Besatzungssoldaten zugingen, ihnen die Gewehre abnahmen und sie zerbrachen

… von den
südfranzösischen Schafen, die als Protest gegen ein Militärgelände auf ihrem Weideland

24

“Darmstädter Signal“: K.Gerosa Hrsg. “Grosse Schritte wagen“ München 1984, S. 119 f.
“Hamburger Signal“: “…gewaltfrei widerstehen – gewaltfreie Aktionen in Pax Christi“,
Frankfurt 2-3/1988, S. 63 ff

25

Richterblockade am 12.1.1987; Nick/Scheub/Then “Mutlangen 1983-87 – die Stationierung
der Pershing II und die Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“ Mutlangen 1993,
S. 154, 209

26

Jochheim a.a.O. S. 157 ff

27

Berg “Thesen zu Gewalt und Gewaltfreiheit“ und “Vom Sinn des Konflikts“, Denk-zettel,
Wortwerkstatt Poesie & Politik, Freiburg 1992

28

Interview mit Alfred Hassler in “Fellowship magazine“ Sept. 1947, Fellowship of
Reconciliation, Box 271, Nyack, N.Y. 10960

29

Fry, a.a.O. S. 85

30

Carola Lipp Hrsg. “Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz
und in der Revolution 1848/49“ Moos/Baden-Baden 1986, S. 145; Zitat: Berg “Utopie-Lied“
Wortwerkstatt Freiburg 1988

31

Goss-Mayr “Geschenk…” a.a.O. S. 123-126

32

Arche-Rundbrief a.a.O.


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plötzlich unter dem Pariser Eiffelturm weideten

… bis zu der Kampagne “Saat des
Friedens“, in der 15000 Gemüsesamensendungen für Menschen im Bosnienkrieg beim
deutschen Außenministerium eingingen und einen Vorschlagskatalog zur Kriegsbeendigung
unübersehbar machten

…von den unsichtbaren Widerstandsgemeinden im Dschungel
Guatemalas, die unter ständiger Bedrohung durch die Armee überleben durch “den Wind des
Geistes, den Überlebens-Instinkt und schmerzlich erlernte Taktik“

… bis zu dem
spektakulären Foto von australischen Umweltschützer/innen, die sich vor den Baggern der
Regenwaldabholzung bis zum Hals stehend in Erde eingraben ließen

)…
Prozessorientiert
Gütekraft ist kein Patent und kein Rezept mit Garantie. Sie ist ein lebendiger Prozess.
Das Problem wird nicht wegbegütigt, sondern mit dem Konflikt auf Entwicklung
hingearbeitet.
Danaan Parry berichtet in seinem Buch “Krieger des Herzens“, wie er in einer
pakistanischen
Bergstadt
verfeindete
Volksgruppen
verschiedener
Religionen
zusammenbrachte, nachdem viel Blut vergossen worden war: “Wir erforschten die
Möglichkeit eines 'gemeinsamen Nenners'… (eines Werts oder Bedürfnisses)… schufen eine
Sicherheitszone… lehrten sie aktives Zuhören und ließen sie es praktizieren… Die Magie
bestand darin, dass sie ihr Leid teilten:… 'Dass ihr meinen Bruder umgebracht habt, tut mir
so weh'… 'Mein Leben kennt nur Trauer'… Als sie einander zuhören konnten, erfuhren sie,
dass sie alle trauerten. In dieser Dunkelheit und Verzweiflung gab es keine 'anderen' mehr,
nur verletzte Menschen auf der Suche nach Heilung… Schließlich lag ein Christ im Schoß
eines Moslem, ein Moslem wurde von einem Christen gewiegt, ein alter Mann und ein Junge,
früher Feinde, starrten sich gegenseitig in die Augen und sahen sich selbst…

Verändernd
Gütekraft verändert das Gefälle zwischen oben und unten, die Grenzen zwischen gut und
böse und die Fronten zwischen Freund und Feind. Sie wirkt gestaltend auf die Situation ein,
hebt den Konflikt auf eine andere Ebene und löst die Täter-Opfer-Konstellation auf. ”Wir
wollen die Opfer davor bewahren, Opfer zu werden. – Wir wollen die Täter davor bewahren,
Täter zu werden.” (Césare Chavez)

Eine Frau merkt im nächtlichen Berlin, wie ihr eine dunkle Gestalt folgt. Beherzt dreht
sie sich herum: “Würden Sie mich bitte begleiten, damit mir nichts passiert?Der verblüffte
Fremde wird zum Gentleman…

Ein farbiger Sänger widersetzt sich der Misshandlung durch vier weiße Polizisten nicht,
sondern wendet im Gebet “Gedankenkraftan, dass der Geist der Gütekraft durch ihn auf die
Angreifer überspringen möge – plötzlich lässt der Weiße den Arm, mit dem er bereits die

33

Burmeister/Tonnätt “Zu kämpfen allein schon ist richtig: Larzac“ Frankfurt/M 1981; W.
Hertle “Larzac 1971-81“ Kassel 1982

34

Info auch über weitere Kampagnenschritte: Dieter Hemminger, Turnstr. 13, 75228
Ispringen

35

Javier Gurriarán “Nie hatten die Berge in Guatemala so viele Wege“ Informationsstelle
Guatemala e.V., Bonn 1990

36

Seed/Macy/Fleming/Naess “Denken wie ein Berg“ Freiburg 1989, S. 115

37

Danaan Parry “Krieger des Herzens“ Freiburg 1991,S. 129 ff

38

Führer der kalifornischen Landarbeiterbewegung, u.a. in: “Liebhaber des Friedens“
Stuttgart 1982; Dia-Serie “Von denen keiner spricht“ Aktion Sühnezeichen 1976

39

mündlicher Bericht der Betroffenen an die Verfasserin


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Pistole auf ihn gerichtet hatte, mit verwundertem Gesichtsausdruck sinken…

In einem
schwelenden Streit zwischen randalierenden Jugendlichen, erbosten Anwohnern und hilfloser
Polizei in einem Freiburger Stadtteil laden KonflikthelferInnen alle Seiten an einen
gemeinsamen Runden Tisch und ermöglichen durch gegenseitiges Sichanhören und fairen
Austausch eine spürbare Verbesserung der Beziehungen…

Entfeindung wurde jedoch auch schon in größerem Stil organisiert:
– in gemeinsamen Siedlungsprojekten z.B. von Schwarzen und Weißen in Südafrika
(“Broken Wall Community“), von jüdischer und palästinensischer Jugend in Israel (“Neve
Shalom“ mit Friedensschule und Begegnungsprogramm) und von türkischen und
griechischen Jugendlichen, die im bürgerkriegsähnlichen Zustand als Gegner begannen,
zerstörte Häuser in einem Dorf gemeinsam wieder aufzubauen.

– als politische Aktion wie z.B. die Kampagne “Privater Friedensvertrag“ während der
Ost-West-Feindschaft oder die “Vertrauensgruppen“, die in elf sowjetischen Großstädten mit
Ideenwettbewerben an einer Verständigung zwischen den Menschen beider Machtblöcke
arbeiteten.

– als Beziehungsaufbau zum Feindbildabbau: von dem Projekt “One by one“, in dem
Nachkommen von NS-Tätern und -Opfern im Gespräch ihre Belastungen gegenseitig
verstehen lernen und Altlasten abbauen

bis zur “Romeo und Julia“-Aufführung von linken
Punks zusammen mit rechten Skins oder dem internationalen Kinderzirkus “Trau Dich“.

Selbstbestimmt
Von ihren Anfängen her basiert Gewaltfreiheit auf Selbstbestimmung, Unabhängigkeit
und “Graswurzeldemokratie“

. Entscheidungen werden durch die Betroffenen selbst – von
unten nach oben – erarbeitet. Das Konsensverfahren übt herrschaftslose Entscheidungsfindung
ein

, den “Umschlag von Gefolgschaft in Gemeinschaft“.

Gandhi arbeitete nicht nur auf die Unabhängigkeit Indiens von der englischen
Kolonialherrschaft hin, sondern auch auf den Abbau des Kastenwesens und die
Gleichstellung und Aufwertung der “Unberührbaren“, ebenso auf “Swadeshi: wirtschaftliche
Unabhängigkeit, eine Wirtschaftsform, die ohne Ausbeutung und Zwang zu existieren
vermag

40

“A Guide to confident Living“ The Worlds Work Ltd., Kingswood Surrey 1913; auch in
Fry, a.a.O. S. 85

41

Projekt Mediation, Christoph Besemer und Mechthild Eisfeld, Kurzbericht in “Gewaltfrei
Aktiv“ Rundbrief d. Werkstatt f. gewaltfreie Aktion, Baden, Mai 1998

42

Christian Büttner: Friedensbrigaden: Zivile Konfliktbearbeitung mit gewaltfreien
Methoden. Münster 1995

43

“Privater Friedensvertrag: “Konstruktiver Katalog“ I u. II s. Anm. 22; “Trust groups“:
“Gras-wurzelrevolution“ Nr. 81 1/84

44

seit 1992; Kontaktbüro: Fehrbelliner Str. 92, 10119 Berlin

45

“Romeo & Julia“: Badische Zeitung v. 28.6.1993; “Trau Dich“: Kahane/Torossi
“Begegnungen, die Hoffnung machen“ Herder Spektrum, Freiburg 1993, S. 107-119

46

Begriff von Saul D.Alinsky (“Anleitung zum Mächtigsein“, “Leitfaden für Radikale“); s.
auch Jochheim a.a.O. S. 122 ff

47

“Konsens – Anleitung zur herrschaftsfreien Entscheidungsfindung“ Werkstatt für
gewaltfreie Aktion, Baden, Freiburg 1990 (Geschäftsstelle: Am Karlstor 1, 69117 Heidelberg)

48

William I. Thompson “Die pazifische Herausforderung. Re-Vision des politischen
Denkens“ München 1985

49

Lanza del Vasto “Definitionen der Gewaltlosigkeit“ Stampa (Italien) o.J. (1963) S. 63; zu
Gandhis Maßnahmenkatalog zur Unabhängigkeit s. Gene Sharp “Gandhi as a Political
Strategist“ Boston 1979, S. 182-184


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Moderne Beispiele: Durch Inselbesetzungen befreiten insgesamt rund 100 junge Leute
und dann ebenso viele Helgoländer Fischer 1951/2 die Insel Helgoland, die seit dem Zweiten
Weltkrieg Übungsgebiet für englische Bombenabwürfe war

. – Norweger luden ihre
Regierung vor ein selbstgeschaffenes “Umweltgericht

. – Brief von einer “Wurzelkonferenz
statt Gipfelkonferenz” vor dem Tor des Mutlanger Raketenlagers an den
Verteidigungsminister: “Wir möchten Sie davon in Kenntnis setzen, dass wir begonnen
haben, Teile Ihres Ressorts zu übernehmen. Da Sie es versäumen, entwickeln wir zivile
Sicherheitskonzepte

Wahrhaftig
“Festhalten an der Wahrheit” ist “Satyagraha” oft übersetzt worden. So wie Gewalt und
Krieg fast immer mit Lüge liiert sind, ist die Wahrheit der Kern der Gütekraft – “die
Wahrheiten”, betonte Robert Jungk die Mehrzahl. Eigene Aufrichtigkeit muss also die
Achtung vor der Wahrheit der anderen einschließen. Mehr noch: Offenheit für die weitere
Schicht der Wahrheit, die der Konflikt freilegen kann.
Gütekraft ist keine Masche zur Manipulation, sondern Vertrauen, dass Wahrhaftigkeit für
sich spricht, und Öffnung, durch die der Wahrheitskern zum Durchbruch kommen kann.
Bei der Internationalen Bodenseemesse in Lindau stellte auch die Chemiefirma aus,
durch deren Produkte die Bodenseetiere vernichtet wurden. Man erwartete Zoff von
militanten Umweltschützern. Doch die legten nur still und ernst eine sterbende Schleiereule
auf den Ausstellungstisch – die Chemiemanager wurden betroffen und nachdenklich.

Gerecht
“Gütekraft” ist nur echt, wenn sie für eine gerechte Sache eingesetzt wird – z.B. die
Menschenrechte -, nicht für eine krumme Tour, einseitigen Vorteil oder Selbst-gerechtigkeit.
Negativbeispiel: Angeregt durch die gewaltfreien Aktionen der Friedensbewegung,
veranstalteten Rechtsgerichtete am 17. Juni 1983 einen “konservativen Tag– mit
Blumensträußen besuchten sie ausländische Familien in Berlin-Kreuzberg, um ihnen
“verblümtzu sagen, dass sie hier unerwünscht seien.
Das Gegenbeispiel: Daraufhin formierten sich 20000 Menschen zu einer Kundgebung
gegen den “Konserventag“ und für das Recht von Flüchtlingsfamilien auf Schutz vor Krieg
und Verfolgung – viele deutsche Frauen trugen als Symbol der Solidarität “türkische“
Kopftücher

. Historisches Vorbild: als Solidaritätsaktion mit den verfolgten Juden hefteten
sich in Holland während der deutschen NS-Besatzung auch viele Nichtjuden den Judenstern
als “Ehrenabzeichen” an…

Offensiv
“Nur sanft sein heißt nie gut sein.“ (Ernst Bloch)

. “Gewaltlosigkeit in ihrer edelsten und
legitimsten Form ist aggressiv. Der Gewaltlose durchdenkt seinen Angriff im Voraus. Er

50

René Leudesdorff “Wir befreiten Helgoland” Husum 1987; Herbert Szezinowski
“Friedenskampf um Helgoland” Frankfurt Main 1985

51

Augenzeugenbericht in “Gericht und Gewissen“, s. Anm. 16, S. 14

52

Bürgergespräche “Betroffene erfinden Auswege“ in “Wir treten in den Un-Ruhestand.
Dokumentation der 1. Seniorenblockade“ Mutlangen 1986, S. 49

53

mündlicher Bericht der Betroffenen an die Verfasserin

54

17. Juni 1983: Reimar Lenz in “Konstruktiver Katalog II“ s. Anm. 22

55

Jochheim a.a.O. S. 143

56

“Widerstand und Friede“ Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen
Buchhandels, Frankfurt 1967


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wählt Straße, Schiff oder Eisenbahn, um sich an den Ort zu begeben, wo das Unrecht
geschieht, um dort sein Zeugnis abzulegen, seinen Protest zu erheben, um einen Zwischenfall
zu verursachen oder einen Skandal auszulösen.” (Lanza del Vasto)

Als in Nicaragua eine US-Invasion befürchtet wurde, begaben sich tausende
internationale, vor allem amerikanische Friedenskämpfer dorthin, lebten als ständige Präsenz
in den grenznahen Dörfern und kündigten an, sich in der Aktion “Witness for peace” im Fall
einer Invasion als “lebende Mauer aus unbewaffneten Menschenentgegenzustellen. Über
500 000 Amerikaner unterzeichneten eine Selbstverpflichtung, gleichzeitig in den USA mit
Aktionen Zivilen Ungehorsams (z.B. Besetzung von Parteibüros) “gewaltfrei mobil zu
machen”. Eine Invasion ist nicht erfolgt.

Zu Beginn des Golfkriegs schlugen 1991 Peace Teams zwischen den Fronten ein
Friedenscamp auf.

Peace Brigades International begleiten in Diktaturen gefährdete Menschen und schützen
sie damit bei Menschenrechtsaktionen.

Kreativ
Die Geschichte der Gewaltfreiheit und der Gütekraft ist farbig voll pfiffig-origineller
Fantasie – Artenvielfalt der Ideen.
Als in der damaligen “DDR” das Tragen des Friedenssymbols “Schwerter zu
Pflugscharen” verboten wurde, schnitten die Leute die Aufnäher aus den Ärmeln heraus und
trugen das Loch als Friedenszeichen…

Ein Allgäuer Bach, der zwangskanalisiert werden sollte, verlegte plötzlich sein
Bachbett…

Die holländische Gruppe “Onkruit“ (“Unkraut“) befreite geheime Rüstungspläne aus
dem Regierungspanzerschrank und ließ sie durch das Fenster in die Öffentlichkeit wirbeln…

Kulturelle Aktionen und Methoden sind nicht nur Farbe, sondern oft auch Rückgrat des
Gütekraftkampfs – Kultur als Befreiung, zur Bewahrung der Identität und Menschlichkeit, als
Aktion oder Umwandlungsprozess: von den Freiheitsliedern in Diktaturen bis zu den
Überlebensschulen indigener Völker

, vom “Theater der Unterdrückten“

bis zum
Drahlseilzirkus vor dem Castor-Atommülltransport

oder zu Satiren wie den “Bettlern für
Banker“, die während des Weltwirtschaftsgipfels für die “armen Bankiers sammelten, damit
die nicht mehr die Dritte Welt ausnehmen müssen“

… vom klassischen Konzert bei

57

a.a.O.

58

Kristin Flory in “Gewaltfreie Aktion“ 68/69/70 1986

59

Barbara Müller Hrsg. “Blau-oliv oder gewaltfrei“ Bund für Soziale Verteidigung Minden
1993, S. 45

60

ebd. S. 4

61

Gernot Jochheim “Traum und Tat. Wege des gewaltfreien Widerstands“ Stuttgart/Wien
1992, S. 112-118; Ebring/Dollwitz “Schwerter zu Pflugscharen. Friedensbewegung in der
DDR“ Reinbek 1982

62

mündlicher Bericht der Betroffenen an die Verfasserin

63

mündlicher Bericht der Betroffenen an die Verfasserin

64

“Kultur und Widerstand“ BUKO-Materialien, Hamburg 1982, 86 S.

65

Augusto Boal “Theater der Unterdrückten“ Frankfurt/M 1989, 274 S.

66

AtomExpress “…und auch nicht anderswo! Die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung“
Verlag Die Werkstatt, Göttingen 1997, S. 159;

67

Büro für ungewöhnliche Maßnahmen “Wut Witz Widerstand“, Berlin 1989, 130 S.


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“Lebenslaute“-Blockaden … bis zum Pfeifen im Walzertakt, das Militärparaden aus dem
Gleichschritt brachte

...
Konstruktiv
Gütekraft ist lösungsorientiert. “Wahrheit muss sich in einem positiven, konstruktiven
Programm vergegenständlichen“

. “Die konstruktive Arbeit schafft überhaupt erst die Basis
für den Widerstand“

Gandhis “Konstruktives Programm“ mit Spinnrad und Salzkörnern des Salzmarschs als
sichtbaren Symbolen…

Die 150 nichtmilitärischen Produkte, die Arbeiter zur Umstellung der englischen
Rüstungsfirma “Lucas Aerospaceerfanden…

Die Frühbeet-Fenster, aus denen ein Handwerker im Widerstand gegen das AKW Wyhl
eine frühe Solaranlage bastelte…

Die “Ethik Investment Funds, die nur bei Firmen ohne Rüstung, ohne
Umweltzerstörung oder Ausbeutung investieren…

Die “Balkan Peace Teams, die im ehemaligen Jugoslawien in Modellprojekten den
schwierigen Prozess friedlichen Zusammenlebens fördern…

Verfahren wie “Mediation“ zur konstruktiven Konfliktarbeit…

Konzepte wie “Soziale Verteidigung”

,
Projekte wie “Ziviler Friedensdienst”

,
Kampagnen wie “Fünf für Frieden”

68

Nick/Scheub/Then a.a.O.; “Ziviler Ungehorsam“, Komitee für Grundrechte und
Demokratie, Sensbachtal 1992, S.270;

69

Severin Renoldner “Widerstand aus Liebe“ Publik-Forum-Dokumentation, Oberursel
1990, S. 155

70

“Wyhl. Kein KKW in Wyhl und auch sonst nirgendwo. Betroffene Bürger berichten“
Freiburg 1976, S. 245

71

Michael Blume “Satyagraha“ Gladenbach 1987, S. 265

72

Mike Cooley “Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod“ Reinbek 1982, 188 S.;
Michael Renner “Konversion zur Friedensökonomie“ World Watch Paper, Wochenschau
Verlag, Schwalbach 1992, S. 57; s. auch Jörg Huffschmid “Für den Frieden produzieren.
Alternativen zur Kriegsproduktion“ Köln 1981

73

Interview mit Lore Haag von der Kontaktstelle des Wyhl-Widerstands in Weisweil

74

Erstgründung durch Quäker während des Vietnamkriegs (Pax World Fund), später
mindestens sieben Social Funds; R. Spielker: SWF-Funkreport 7.12.1986

75

Balkan Peace Team, Ringstr. 9a, 32427 Minden; Ohne Rüstung Leben, Sophienstr. 19,
70178 Stuttgart

76

Christoph Besemer “Mediation. Vermittlung in Konflikten“, Stiftung Gewaltfreies Leben
und Werkstatt f.ür Gewaltfreie Aktion, Baden, 1993

77

Bund für Soziale Verteidigung, Ringstr.9a, 32427 Minden; Theodor Ebert “Soziale
Verteidigung“Waldkirch 1982/3; s. auch H.-E. Bahr Hrsg “Von der Armee zur europäischen
Friedenstruppe“München 1990; “Umrüstung – neuartige Entwürfe für eine Gesellschaft ohne
Rüstung“ Wortwerkstatt, Birgit Berg (Hrsg.) 1983

78

Uwe Trittmann: Der lange Atem auf dem Weg der Gewaltfreiheit, in: Die Wahrheit einer
Absicht ist die Tat, J. Freise, E. Fricke (Hrsg.) Idstein, 1997; Forum Ziviler Friedensdienst
e.V., An der Linde 23, 50668 Köln, Tel.: 0221/1391816, e-mail: forumZFD@t-online.de – vgl.
auch Theodor Ebert “Ziviler Friedensdienst“ Münster 1997; “Gewaltfreie Aktion“ Nr. 89/90,
99/100, 101/102; B. Müller a.a.O.

79

die Militär- und Rüstungshaushalte sollen pro Jahr um 5 % gesenkt werden. RIB e.V.,
Umkircher Str. 37, 79112 Freiburg, http://www.dfg-vk.de/


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zum Aufbau ernstzunehmender Alternativen zu Militär und Krieg…
Langmutig
Obwohl sie frühzeitig ansetzen soll und spontan geistesgegenwärtig und überraschend
sein kann – braucht die Gütekraft doch auch den Langen Atem, die “brennende Geduld”
(Pablo Neruda), um sich nach so vielen Jahrtausenden der Gewalt durchzusetzen.
Nach zwölf Jahren Widerstand in Wyhl wurde das Atomkraftwerk verhindert

. Zwölf
Jahre brauchten auch die Schafzüchter auf dem Larzac, bis der Plan für den Ausbau des
Militärgeländes gestoppt war

. Nach 15 Jahren hatte der Protest gegen den
umweltzerstörenden “Grand Canalin Frankreich Erfolg, und der Schnelle Brüter
“Superphénix” wurde nach rund zwei Jahrzehnten Widerstand abgeschaltet

. Die Bewohner
dreier kleiner Dörfer im schwedischen Kynnefjäll halten seit 1980 eine Dauermahnwache
gegen Probebohrungen für Atomanlagen durch – “und sie werden niemals aufgeben“

.
Firmeza permanente nannten es die Arbeiter der Zementfabrik von Perus (Sao Paulo), die
nach 7-jährigem Streik ihre Rechte durchsetzten

: beharrliche Standhaftigkeit.
Die Kraft, die der Gewalt widersteht, ist erst am Anfang ihrer Möglichkeiten. Ein
atemraubend lebendiges Experiment, in dem wir alle Anfänger sind. Es gibt keine
Gütekraftprotze.
Gütekraftschöpfen braucht die praktische, die geistige und die psychische Ebene. Seine
Außenseite sind die Haltung, die Handlungsweise, Aktion und Interaktion, Kommunikation
und Lebensweise. Sein Kern ist der innere Prozess, die Innenarbeit jedes/r Einzelnen.
Von hier aus kristallisiert sich die “Wahrheit als Übereinstimmung von innen und
außen“

. Und die Begegnung als “Kontakt von Kern zu Kern“, der “direkt nur in das fremde
Beste hinübertrifft“

. Die überzeugendste Form des Nein zum Unzumutbaren ist das JA zu
den reiferen Möglichkeiten

.

80

Film “S'Weschpenäscht. Der Widerstand gegen das AKW in Wyhl“ Medienwerkstatt,
Freiburg 1982; “Wyhl. Kein KKW in Wyhl und auch sonst nirgendwo. Betroffene Bürger
berichten“ Freiburg 1976; “Wyhl. Der Widerstand geht weiter“ Freiburg 1982; Jean
“Erdchroniken“ Freiburg 1977

81

Burmeister/Tonnätt a.a.O.; Hertle a.a.O.

82

das umweltzerstörende Kanal-Großprojekt wurde ebenso wie die Atomanlage in Malville
nach dem Regierungswechsel in Frankreich Herbst 1997 abgestellt; Inf.: Les Verts France

83

Interview mit GunnMarie Carlsson, schwedische Pflugscharbewegung, Frauen für Frieden
Schweden

84

Goss-Mayr “Geschenk…” a.a.O.; Darmstädter Blätter, Heft 2/1976, S. 4ff

85

Lanza del Vasto “Die Macht der Friedfertigen“ Heidelberg 1982

86

Prentice Mulford “Unserer Seele Kraft“ Freiburg, S. 103 (=Auszüge aus “Unfug des
Lebens und des Sterbens“)

87

Text eines Posters der Wortwerkstatt Poesie & Politik


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Aus der Nähe betrachtet

Hinter jedem der Beispiele, die einführend in Kurzform skizziert wurden, stehen die
Erfahrungen, das Erleben, die Schicksale zahlreicher Menschen, die sie am eigenen Leib
erfahren haben. Eingehendere Schilderungen der Situationen und Veränderungen machen die
eigenartige Wirksamkeit von Gütekraft eigentlich erst nachvollziehbar. Deshalb folgen hier
auf den ersten Überblick 'en gros' drei Beispiele 'en detail':
Eine Erfahrung mit Satyagraha / Gütekraft bei MIR SADA
Im August 1993 wollten rund dreitausend Menschen als Friedenskarawane “Mir Sada“
(“Friedenssaat”) den Bosnienkrieg stoppen. Dass auch eine gewaltfreie Aktion, die ihr Ziel
nicht erreicht

, positive Wirkungen haben kann, vermittelt der folgende Bericht von Dieter
Hemminger:

88

vgl. Christine Schweitzer “Mir Sada. – Die Geschichte einer misslungenen gewaltfreien
Intervention in Bosnien (1993)”, in: Günther Gugel Hrsg. “Wir werden nicht weichen“


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“Am Checkpoint Podorje, 10 km von Mostar entfernt, hieß es nach stundenlangen
Verhandlungen mit dem zuständigen Polizeikommissar: 10 Busse mit insgesamt 500
Personen dürfen für eine Stunde bis zum Stadtrand Mostar fahren. Die anderen ca. 1000
mussten zurückbleiben. Ich schloss mich einer etwa 200 Personen großen Gruppe an, die
unter der Anleitung von dem Inspirator der italienischen Initiative, Don Albina, stand. Direkt
am Checkpoint auf einer staubig-ausgetrockneten Wiese, bereiteten wir uns auf eine
Schweigekette vor. Sie sollte entlang der stark, vor allem mit Militärfahrzeugen, befahrenen
Straße in Richtung Mostar entstehen.
Wenig später standen wir schweigend nebeneinander, in brütender Mittagshitze als 300
Meter lange Menschenkette entlang der Straße. Je ein Fahnenträger markierte den Anfang und
den Schluss der Kette. Jeder war auf sich selber gestellt. Zwar als Glied einer Kette, aber
allein mit seinen Gedanken. Noch nach 6 Jahren ist mir diese Stunde in sehr lebhafter
Erinnerung. Fast protokollarisch kann ich alles aufzeichnen.
Zuerst überkam mich eine große existenzielle Angst. Was ist mit meinen 4 Kindern, die
zwar alle erwachsen sind, aber ais Studenten noch von mir ökonomisch abhängig waren,
wenn ich hier nicht mehr lebend weg komme. Diese Angst wurde geschürt, weil einige
wahnsinnig schnell an uns vorbeirasende Pkw-Fahrer, immer wieder auf uns zusteuerten und
wir uns nur durch kühne Sprunge in den Straßengraben vor dem Überfahrenwerden retten
konnten. Immer wieder trieben Jugendliche, in zum Teil gestohlenen Autos, mit uns dieses oft
lebensgefährliche Spiel.
Dabei fiel mir ein Kontrast auf, der mir vorher nie so bewusst war: Physisch waren die
im Auto Sitzenden uns haushoch überlegen. Sie hatten wenigstens eine ‘schützende’
Karosserie um sich herum und die vorbeifahrenden Soldaten sogar gepanzerte Fahrzeuge.
Und wir standen nur mit unseren bloßen, ungeschützten Körpern da.
Doch wenig später verspürte ich in mir eine tiefe Ruhe, ja. Gelassenheit. Ich wusste mich
auf einmal so stark von Gott beschützt, dass sich fast eine euphorische Sicherheit in mir breit
machte. Obwohl wir konsequent schwiegen, reichten Blickkontakte zu den Nebenstehenden,
um sich zu versichern, wir gehören zusammen, wir helfen uns bei Gefahr. Seither weiß ich:
Ees gibt die Kraft der Gewaltlosigkeit, diese nicht rational begründbare und auch nicht
analytisch nachprüfbare Gütekraft. Sie ist erlebbar.
Der Fortgang damals am 9. August 1993 am Checkpoint Podorje bescherte mir noch eine
weitere Erfahrung, nämlich: Die innere Haltung der Gewaltfreiheit kann sich auf andere
übertragen:
Auf einmal wurde das Schweigen unterbrochen. Durch die Menschenkette ging die
Information: ‘Wir dürfen nach Mostar gehen! – Wie? – Schweigend miteinander gehend, ohne
Polizeischutz.’
So liefen wir los. Von dem Bergrücken hörten wir dumpfe Donnerschlage von schweren
Geschützen. Die ersten 2-4 km waren alle Häuser entlang der Straße zerstört. Der Tod war
greifbar nahe.
Im ersten Dorf nur ablehnende, distanziert uns beobachtende, Bevölkerung. In den zwei
Dorfkneipen grölende und verächtlich lachende, mit ihren Gewehren spielende Soldaten. Und
dennoch in mir die immer noch anhaltende Gewissheit: Die können uns nichts antun, auch
wenn die Gewehre geladen sind. Und es gab keine Schießerei.
Schon im nächsten Dorf änderte sich die Situation: Von den Bewohnern wurden uns
Getränke und Obst angeboten. Wie herzerfrischend war der erste kühlende Schluck Wasser.
Und der mir zugeworfene Apfel kam mir vor wie eine Liebeserklärung: ‘Ich will dich auf
deinem Weg unterstützen!’
Verein für Friedenspädagogik, Tübingen 1996, S. 131-134 (= gekürzt aus: Gewaltfreie
Aktion, Heft 97/98, 3.+4. Quartal 1993, S. 25-30)


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Und dann geschah ein kleines Wunder: Vier Soldaten gaben ihre Gewehre den Kollegen
und reihten sich in unsere Menschenkette ein. Sie liefen direkt vor mir. Zuerst sah es wie ein
Scherz aus. Sie unterhielten sich auch lautstark miteinander, und die Bevölkerung klatschte
Beifall. Aber als sie am Ende des Dorfes immer noch dabeiblieben und auch allmählich
schweigend mitliefen, merkte ich: Die meinen es ernst.
Nach Mostar sind wir an diesem Tage nicht mehr gekommen. Ein wohltuend
erfrischender Gewitterplatzregen verwandelte kurz die Straße in einen Fluss und wenig später
kamen unsere Freunde mit den Bussen aus Mostar zurück. Fast wie selbstverständlich wurden
die Platze gewechselt. Wir durften mit den Bussen an den Checkpoint zurückfahren und die
Mostarfahrer liefen die ca. 6 km zu Fuß zurück.
Diese Erfahrungen empfinde ich auch noch heute als ein Beispiel für die Kraft einer
gewagten Satjagraha. Sie kann so stark sein, dass durch sie sogar einzelne Soldaten von
ihrem tötensollenden Handeln Abstand nehmen können.
Bestimmt ist das nicht als Rezept zu verstehen. Gandhi und M. L. King haben ihren
Leuten immer gesagt: Ihr müsst damit rechnen, dass ihr nicht mehr lebend zurückkommt. Das
Risiko bleibt. Aber wir brauchen uns bei keiner gewaltfreien Aktion freiwillig zu Märtyrern
machen zu lassen.” (aufgeschrieben im Januar 1999)
Zweites Beispiel: Das Gewissen des Wachmannes

Die folgende Begebenheit ereignete sich in Deutschland während des Zweiten
Weltkrieges
in
einem
Gefangenenlager.
Das Leben der Gefangenen war hart. Sie hatten Hunger und litten unter der Kälte und den
Anstrengungen der Zwangsarbeit. Abends kehrten sie in ihre Baracken zurück. Ein
Wachmann erwartete sie, um mit ihnen seine Scherze zu treiben, die allerdings nur ihm allein
Vergnügen bereiteten. Er zog den einen an der Nase und gab einem anderen einen Tritt in den
Bauch. Jeder fragte sich, wer wohl heute an der Reihe sei. Eines Abends aber kam einer der
Gefangenen von selber zu ihm und sagte: "Da Sie jeden Tag jemand schlagen müssen, möchte
ich Sie bitten, heute mit mir vorlieb zu nehmen." "Nanu, kleines Französchen! Weil Du so
frech bist, rate mal, wie oft ich Dir mit meiner Reitpeitsche auf den …" "Es ist nicht meine
Sache zu bestimmen, wieviele Schläge ich verdient habe. Ich überlasse das Ihrem Gewissen."
"Meinem Gewissen, meinem Gewissen? Ich habe kein Gewissen!" "Doch!", sagte nach einer
kleinen Pause der Gefangene. "Doch, Sie haben ein Gewissen. Ihr Zögern beweist, dass Sie
ein Gewissen haben, denn Sie haben mich noch immer nicht geschlagen." Und indem er sich
anschickte weiterzugehen, fügte er noch hinzu: "Ich glaube sogar, dass Sie mich heute Abend
nicht mehr schlagen werden." Dann wandte er sich um und ging. Der andere starrte betroffen
vor sich auf den Boden, blass, mit Tränen in den Augen und mit zitternden Lippen. Nie zuvor
hatte jemand zu diesem Unglücklichen von seinem Gewissen gesprochen. Vielleicht war das
die Ursache seiner Rohheit. Nach diesem Tag wurde kein Gefangener mehr von ihm
geschlagen.

89

Albert Schmelzer “Die Arche” Waldkirch 1983, S. 57f (dort zit. aus: Lanza del Vasto,
Definitionen… a.a.O. S. 14f )

90

Der gewaltfreie Widerstand gegen die NS-Diktatur war insgesamt wesentlich stärker, als
allgemein bekannt ist. Günther Weisenborn (“Der lautlose Aufstand“ Reinbek 1962) und
Jacques Semelin (“Ohne Waffen gegen Hitler – Eine Studie zum zivilen Widerstand in
Europa”, Frankfurt am Main 1995) zeigen eine Fülle von gründlich recherchierten
Beispielen mit detaillierten Angaben auf . Rund 32 500 Deutsche wurden wie die Geschwister
Scholl wegen ihres Widerstands hingerichtet; schon zwischen 1933 und 1939 wurden in
politischen Verfahren rd. 225 000 Männer und Frauen zu rund 600 000 Jahren
Freiheitsstrafe verurteilt. In allen von Deutschland besetzten Ländern gab es – teilweise
erfolgreichen – Widerstand. Als 1942 in Norwegen die von den Nazis eingesetzte Regierung


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Drittes Beispiel: Von “Freebrook“ bis Kaliningrad
Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich aus einzelnen Erfahrungsfeldern in
internationaler Ausbreitung zunehmend planvolle Organisation. Dafür abschließend zwei
Beispiele, in denen Gütekraft nicht primär in der persönlichen Begegnung in Erscheinung
tritt, sondern im Widerstand gegen Zerstörungsmacht.
Bis zur Mitte der 70er Jahre war die Atomenergie für die technikgläubige amerikanische
Öffentlichkeit kein Thema; über 260 AKWs waren in Betrieb oder im Bau, bis zum Jahr 2000
sollten es 1000 sein. Jahrelange juristische Einsprüche, Aufklärungsarbeit, Volksbefragungen,
dann eine Messturm-Besetzung auf dem Bauplatz des geplanten Atomkraftwerks bei
Seabrook, New Hampshire. Der Wyhl-Film “Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“
ermutigte zu einer Platzbesetzung. Doch es kamen nur 18 Aktivisten. Da beschlossen sie, es
innerhalb einer Woche je zehn Bekannten weiterzusagen. Das nächste Mal waren es
tatsächlich 180 PlatzbesetzerInnen. Die ansteigende Aktion wurde zum System – beim dritten
Mal forsteten über 1000 TeilnehmerInnen mit kleinen Bäumen auf. Bei einer
Massenbesetzung 1977 entstand dann ein Anti-Atom-Dorf “Freebrook“ – und von über 1800
AktivistInnen wurden 1414 verhaftet. Zwei Wochen lang in Waffenlager eingesperrt,
wandelten sie auch dies in eine Besetzungsaktion um: Indem die Entlassenen sich weigerten
zu gehen, ehe nicht alle freigelassen wurden. Auf einen Schlag kam die Atomproblematik in
die Massenmedien.
Damit eine solche Massenaktion gewaltfrei bleiben konnte, wurde eine Strategie
erarbeitet aus Erfahrungen und Methoden der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der Quäker,
der spanischen Anarchisten, des Wyhl-Widerstands und gewaltfreier Trainings-Kollektive:
die Aufteilung in kleine Vertrauensgruppen, Vorbereitung in Trainings und
Entscheidungsfindung im Konsensverfahren.
Diese Methoden wurden dann in Gorleben, Großengstingen und im Anti-Raketen-
Widerstand in Mutlangen und im Hunsrück zugrundegelegt und weiterentwickelt und
-verbreitet. Obwohl die “Helden“ von Seabrook zunächst “niedergeschlagen, mit hängenden
Köpfen und entmutigt“ waren, weil das AKW doch gebaut wurde, war der scheinbare
Misserfolg nur eine Phase in vielen Schritten zum endgültigen Erfolg

: Im Anschluss
bildeten sich in den USA Hunderte neuer Aktionsgruppen, der Widerstand breitete sich über
das ganze Land aus bis hin zu einer Blockade der Wallstreet-Börse. Rund 80 % der
Bevölkerung lehnten schließlich Atomkraftwerke ab, seit 1978 wurde kein neues AKW mehr
gebaut, mehr als hundert geplante storniert, viele sogar mitten im Bau gestoppt, so dass die
Gesamtziffer um mehr als die Hälfte sank. 123 AKWs blieben 1987 von dem geplanten
Atomprogramm von 1000 AKWs übrig – und auch dies Auslaufmodelle.

Das Staunen holt das Wissen immer wieder ein – zu diesem Beispiel gibt es ein
überraschendes Gegenstück:
In der Sowjetunion entwickelte sich aus den ersten Anti-Atom-Gruppen nach
Tschernobyl “eine mächtige Massenbewegung, die Millionen von Menschen in
Demonstrationen und Protest gegen Atomkraft verband…“. Sie organisierte z.B. in Kostroma
ein lokales Referendum über ein geplantes AKW, das trotz massiver Propaganda der
Atomlobby (für einige 100 000 Dollar) 87,4 %
Vidkun Quisling versuchte, über die Gleichschaltung der Lehrerschaft die Nazi-Ideologie
verpflichtend einzuführen, leisteten Tausende von Lehrern im Geiste Gandhis hartnäckig
Widerstand, der auch durch härteste Zwangsarbeit nicht gebrochen wurde und schließlich
zum Erfolg führte (Gregg a.a.O.)

91

Bill Moyer “Aktionsplan für soziale Bewegungen“ Kassel 1989

92

Komitee für Grundrechte und Demokratie (Hrsg., Narr/Roth/Vack Red.) “Ziviler
Ungehorsam“ Sensbachtal 1992


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Gegenstimmen ergab. Eine Kampagne von ECODEFENSE-Aktiven bewirkte, dass am
30. Juli 1996 ein mit radioaktivem Material (Uranium-Hexafluorid) beladenes Schiff nicht im
Hafen von Kaliningrad anlegen durfte und nach zwei Wochen umdrehen musste; danach
arbeitet sie an örtlichen Gesetzen gegen Atomtransporte. “Die Atomindustrie sieht sich heute
einem starken Team professioneller Kampaigner gegenüber, die erfolgreich auf
internationaler, nationaler und regionaler Ebene aktiv sind. Statistiken zufolge wurden
zwischen 1988 und 1992 weit über 100 zur Atomindustrie gehörende Bau- bzw.
Entwicklungsstandorte geschlossen … und gegenwärtig sind keine neuen Atomkraftwerke
mehr im Bau…. Die Anti-Atom-Bewegung hat eines ihrer grundsätzlichen Ziele erreicht – mit
Erfolg wurde die Weiterentwicklung der Atomindustrie in der ehemaligen UdSSR gestoppt.
Das zweite Ziel ist die Abschaltung aller noch in Betrieb befindlichen Atomanlagen.“ “Über
dieses Engagement hinaus stellen die Anti-Atom-Gruppen einen bedeutenden Bestandteil
einer demokratischen Gesellschaft dar… die in Russland in stetigem Aufbau begriffen ist.“

93

Vladimir Slivyak in: Anti Atom Aktuell Nr. 104, Göhrde 1999

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