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Die Selbstversorger von Luebnitz

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Impressionen von unserem ersten Tag in und um Lübnitz, 80 Kilometer südwestlich von Berlin. Wir sind unterwegs mit Wam Kat, den wir gestern schon getroffen haben und besuchen die Hofgemeinschaft in Lübnitz, eine Selbstversorgergemeinschaft mit Feldgemüse, Gewächshaus, Tierhaltung, Imkerei, Bäckerei und Hofladen auf einem alten LPG-Gelände. Wir wollen kochen mit Wam, aber beim Einkauf sieht es zunächst ein bisschen nach Schmalhans aus, denn dieses Jahr waren die Ernten nicht besonders gut und die Vorräte sind fast aufgebraucht. Ein Risiko, das die Selbstversorger gemeinsam tragen.

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Andrea stammt aus dem Westen. Auf einem ehemaligen LPG-Gelände lebt sie heute in Lübnitz mit 20 anderen Erwachsenen und zwölf Kindern und betreibt eine kleine Bio-Landwirtschaft. Wir besichtigen mit Andrea den kleinen Hof mit Rindern, Schweinen, Hühnern und der Backstube. Die Gemeinschaft deckt nicht nur einen großen Teil des eigenen Bedarfs, sondern betreibt auch einen Hofladen: Wenn man hier einkauft, kann man nehmen so viel man will.
Hofladen Lübnitz-thumb-450x337

Der Hofladen an der Dorfstraße in Lübnitz ist der Umschlagplatz für Bio-Gemüse, Brot und andere Produkte aus dem Betrieb. Der Erzeugergemeinschaft, der Andrea angehört, steht sozusagen eine Art Abnehmergemeinschaft gegenüber: Die Erzeuger machen einen Jahresplan, was und wie viel angebaut und produziert wird. Die Abnehmer bezahlen im Voraus und garantieren so die Abnahme. Einkaufen heißt dann für sie eigentlich nur noch "Mitnehmen". 
"Jeder kann nehmen, so viel er braucht", sagt Andrea, "am Anfang hat das viele verunsichert, weil man ja gewohnt ist, dass alles einen festen Preis hat. Aber mit der Zeit lernt man, was man wirklich braucht." Zu den rund 40 Abnehmern gehört auch Wam Kat. 50 Euro kostet die Mitgliedschaft im Monat, dafür gibt es das ganze Jahr über biologisches Gemüse und Obst, Brot und andere Produkte. "Man weiß, wo das Gemüse herkommt, ich weiß, dass es nicht hunderte von Kilometern gefahren ist, bevor es auf meinem Teller landet."
Das Modell hat allerdings zwei Haken: Zum einen verpflichten sich die Abnehmer, unter Umständen selbst mit anzupacken, etwa bei Aussaat und Ernte, beim Verarbeiten von Obst und Gemüse oder bei der Öffentlichkeitsarbeit – was hier allerdings niemand als Nachteil sieht. Zum anderen ist das Risiko auf alle Schultern verteilt: In Jahren, wenn die Ernte schlecht ist, Rehe den Salat gefressen oder sich Wildscheine in den Beeten gesuhlt haben, dann gibt es eben für alle weniger. Und im Winter kann das Angebot, so wie zur Zeit, auch mal auf Kartoffeln, Kohl und Rote Beete oder Ähnliches reduziert sein. "Umso schöner ist es aber dann, wenn es wieder Frühling und Sommer wird und es wieder Salat gibt", sagt Andrea, "man spürt wieder die Verbindung mit den Jahreszeiten und dass nichts selbstverständlich ist." 
Der "Einkauf" mit Wam Kat fällt kurz aus: Kartoffeln, Zwiebeln, Rote Beete, Möhren, Sellerie und Grünkohl. Der Eintopf, den Wam Kat daraus zaubert, ist zwar einfach, aber köstlich und Wam behauptet, dass es im Prinzip keinen Unterschied macht, ob man für drei oder  dreitausend oder zehntausend Menschen kocht, wie er es tut beim Protest gegen den Castortransport oder beim G8-Gipfel in Heiligendamm zum Beispiel. "Das Problem ist, dass du dann nicht ein Kilo Biokartoffeln brauchst, sondern unter Umständen eine Tonne – und die zu beschaffen, das ist nicht leicht, aber es geht, denn wir schmeißen zum Beispiel so viel Gemüse auf den Müll, nur weil es die falsche Größe hat oder einen kleinen Fehler, das benutzen wir natürlich auch mit. Und es geht."
Ob Regionalität und damit im Prinzip die Selbstversorgung auch ein Modell für die Zukunft ist? Eine Alternative zur konventionellen Landwirtschaft, bei der es mehr auf Masse als auf Klasse ankommt und durch weltweite Zukäufe immer alles verfügbar gemacht wird? "Von der Art, wie wir kochen und essen und vor allem, was wir kochen und essen, hängt eine Menge ab", sagt Wam Kat, "aber dieses Bewusstsein ist uns irgendwie verloren gegangen." Und er rechnet vor: Wenn man die weltweite Getreideernte auf alle Menschen der Erde verteilen würde, könnte jeder etwa zweieinhalb Kilo pro Tag haben. "Um Fleisch zu produzieren, braucht man allerdings sehr viel Getreide, und wer zum Beispiel einen BigMac ist, der hat seine zweieinhalb Kilo damit bereits verbraucht", sagt Wam, "und wenn du zwei isst, dann hast du einem anderen seine zweieinhalb Kilo weggegessen."

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