EINE AUTOBIOGRAPHIE IN 24 REZEPTEN

Wam Kat ist kein Koch. Und doch bekocht er und sein Team Massen von mehreren tausend Menschen, etwa auf G8-Protesten, entlang der Castor-Transporte, in Flüchtlingslagern des Balkankrieges. Das 1981 zu diesem Zweck gegründete Kochkollektiv „Rampenplan“ (niederländisch für Katastrophenschutzplan) musste in seinen Anfängen erst mal zum Schweißgerät greifen, da Töpfe mit 400 Litern Fassungsvermögen und geeignete Gaskocher für die mobile Feldküche nicht zu bekommen waren. Die Grundidee ist simpel, jedoch noch nicht in alle Köpfe der „Demo-Konsumenten“ von heute durchgedrungen: Niemand wird mit einem McDonalds-Burger in der Hand ein Atomkraftwerk verhindern können. Gesellschaftliche Veränderungen setzten voraus, dass Menschen ihre Meinung nach außen hin vertreten, in ihrem Tun, in ihrem Alltag, beim Essen. Die Tatsache, dass das bei Rampenplan praktizierte Pay-as-you-wish-System über all die Jahre funktionierte, stimmt hoffnungsfroh.

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Wam Kat schenkt uns mit seiner Geschichte nicht nur Einblicke in den Erfahrungsprozess, wie man Nudeln für 10.000 Menschen abgießt (und überhaupt – wohin mit dem Kochwasser? Und davor – woher?) oder tonnenweise regionales biologisches Futter aufstöbert, sondern ebenso in die Hausbesetzerszene im Amsterdam der 70er Jahre, die verschiedenen Ausgangspunkte der Bio-Bewegung, die Organisation des Saatguttransports ins zerbombte Sarajevo. Oder wie viel wir pro Tag essen könnten, wenn es eine gerechte Nahrungsmittelverteilung gäbe. Das dazugehörende Rezept heißt „Weltmahlzeit“ und ist eher symbolisch zu sehen, weil's doch gar viel Nahrung für nur einen Tag wäre.

Wir bekommen ein Mischgericht aus Wasserwerfern und Rockbands, verrückten Einsiedlern und Snack-Automaten, Küchenbussen und Minenfeldern, fußballspielenden Montessori-Kindern und den Problemen gut gemeinter Hilfslieferungen in Krisengebieten, deeskalierend heißer Suppe für Sitzblockierer_innen samt den neidvollen Polizistenblicken hinter der Absperrung, einer Buttonmaschine, einem Woodstock-Plakat und einer Wurstfabrik, kurz – Improvisationskunst im ganz großen Stil. Ein Ausflug zu den Freeganern fehlt ebenso wenig wie eine Musik-Empfehlung zu den einzelnen Gerichten, samt dem adretten Tipp für Blechhäferl-Kopfhörer-Soundverstärker. Jedes der 24 Rezepte ist vegetarisch, oft gibt’s einen Vorschlag für die vegane Alternative. Transportiert wird kein kulinarisches Hochglanz-Niveau, dafür Ironie und Weisheit. Das ist mal wieder einer, der tut, was er meint. Ein wirklich tolles Buch!

 

Zum Autor:
Wam Kat ist Aktivist, Journalist und Autor, geboren 1955 im niederländischen Zeist. Er ist Mitbegründer zahlreicher Organisationen und alternativer Netzwerke, wie EYFA (Eurpean Youth Forest Action) oder den Ecotopia-Festivals, sein 'Zagreb Diary' war das erste Tagebuch aus einem Krisengebiet, das im Internet veröffentlicht wurde, und gilt als eines der ersten Blogs überhaupt. Mit dem niederländischen Kollektiv 'Rampenplan' griff Wam die Idee der traditionellen Volksküche auf, um bei den großen Protestveranstaltungen der 70er und 80er Jahre eine Infrastruktur zur Versorgung der Demonstranten zur Verfügung zu stellen. Daraus entwickelte sich für ihn eine vielfältige Auseinandersetzung mit den Themen Lebensmittelwirtschaft, Kochen und Ernährung. (Auszug aus dem Buch).

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