Live-Radio ist spannend

Niederländischer Rundfunksender übertrug aus Belzig MAZ vom 23.09.98

Belzig. Live-Radio ist richtig spannend. Eine ISDN-Leitung, ein Paar Kopfhörer, ein Mikrofon, ein Jacques Schmitz. Der Deutschland- Korrespondent des niederländischen Radio Een Journaal strahlt stoische Ruhe aus, konzentriert studiert er die regionale Tagespresse, für die anderthalb Minuten lange Presseschau, so irgendwann in einer halben Stunde. Im “Winkel” läuft die zweite Kanne Kaffee durch, Gymnasiast Henning Aulich schiebt “Frühschicht”,noch vor der ersten Englischstunde. Drumherum müde zerknautschte Gesichter, es ist kurz nach sieben, seit ein paar Minuten hören die Niederländer auf dem Weg zur Arbeit das Deutschland-Wahl-Special, live aus dem Belziger Info-Café. Topthema heute: Rechtsextremismus und Gewalt im Osten. Vor dem Haus tigert Marcel Oosten mit tragbarem Sender, Kopfhörern und Mikro auf und ab, zwischen den Nachrichten- und Musikblöcken aus der heimatlichen Zentrale wird der Reporter vor jedem Beitrag mit einer Anmoderation zugeschaltet, ganz Niederland weiß jetzt auch, wie die Spiegelkreuzung klingt. Peter Moossdorff ist der Dritte im Bunde. Im Sat-Ü-Wagen mischt, regelt und schneidet er, spielt die tags zuvor aufgezeichneten Reportagen und Interviews ein. Die Niederländer haben gerade ihren in Belzig lebenden Landsmann und Friedensaktivisten Wam Kat kennengelernt oder wiedergehört, der ihnen vom ehemaligen Mittelpunkt der DDR aus über das Asylbewerberheim Verlorenwasser erzählt. Man erfährt, daß in dieser Abgeschiedenheit hinterm Wald selbst die Handies der Radioleute nicht mehr funktionierten. Dennoch habe dieses “Versteck”unter anderem auch dazu geführt, da8 es keine Konfrontationen gebe, denn nur wenige wüßten, daß hier 24 Schwarze lebten. Einer von ihnen berichtet, daß er sich erst seit der Eröffnung des Info-Cafés überhaupt nach Belzig traue, weil er nur dort Menschen wüßte, die mit ihm und über ihn reden würden.

Jacques Schmitz informiert die Hörer im Schnelldurchlauf darüber, was die regionale Presse für berichtenswert hielt. Die MAZ hätte eine ganze Seite gebraucht, um den Leuten zu erklären, wo sie überall auf den Wahlscheinen ihr Kreuz machen müßten für die Niederländer ist das deutsche Wahlsystem ein kompliziertes Kuriosum. Ein solches ist auch das Info-Café, dessen Bezeichnung ”Winkel”auf niederländisch “Laden”heißt, ein willkommener Doppelsinn und Gelegenheit für Wam Kat und Ausländerbeiratsvorsitzenden Kees Berkouwer, Deutschlandbild ihrer Landsleute zu korrigieren und die Idee der multinationalen Begegnungsstätte ein weiteres Mal weit über Belzigs Grenzen hinaus publik zu machen.

Im Ü-Wagen läuft der letzte Beitrag an, das aufgezeichnete Interview mit dem Ex-Skinhead Christian, der wegen Körperverletzung auf Bewährung verurteilt wurde, während seiner Sozialstunden im Info-Café neue Kontakte fand und der rechten Gewalt abschwor. Für die Hörer soll es live klingen, und gerade jetzt spinnt der Laptop. Christians Antwort kommt trotz energischen Reglerschubs und angespannten Bittens des Technikers einige Sekundenbruchteile verzögert. Peter zuckt die Schultern und grinst. Na und, er brauchte halt ’ne lange Denkpause. “Tschüß, Deutschland” kommt es aus Amsterdam, die Kopfhörer fallen auf die Tische. Geschafft. Naja, fast. Als sich die Niederländer verabschieden, kommt der Reporter von Antenne Brandenburg durch die Tür. Der französische Rundfunk war vergangene Woche da, und das niederländische Fernsehen kommt demnächst.

Kerstin Henseke (maz)

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