vati erzaehlt wieder von krieg

Kreuz und quer durch die Weiten des Internet, der Literatur und des (Cyber)Punk. Ein Gespräch mit Peter Glaser, Schriftsteller und Ehrenmitglied des Chaos Computer Club. Von Maik Söhler

Peter Glaser, geb. 1957 in Graz, ist Schriftsteller, Journalist und Hacker. In den acht­ziger Jahren hat er mit Büchern wie »Der große Hirnriss« und »Rawums.« auf sich aufmerksam gemacht. In jener Zeit wurde er auch im Chaos Computer Club aktiv, dem er bis heute als Ehrenmitglied verbunden ist. Als Journalist hat Glaser über so gut wie jedes Computerthema geschrieben, er bloggt derzeit für die deutsche Ausgabe der »Technology Review«. Um die Jahrtausendwende kehrte er zur Literatur zu­rück und erhielt 2002 für seinen Erzählband »Ge­schich­te von Nichts« auch gleich den Bachmann-Preis. Wegen schweren Rheumas sitzt Peter Glaser seit Jahren im Rollstuhl.

 

Wie lange ist es her, dass Sie zum ersten Mal mit einem Computer zu tun hatten?

 

Knappe 30 Jahre.

Welche technischen Errungenschaft aus der Computerwelt haben Sie seither am meisten zu schätzen gelernt?

Ich liebe SMS, weil sie für etwas stehen, was die Computer mal versprochen und nicht gehalten haben: direkte Kommunikation, einfach zu erstellen – und man muss kein Betriebssystem lernen. E-Mail und SMS sind die Wiederkehr des Telegramms mit modernen Mitteln. Die SMS hat gegenüber der E-Mail den Vorteil, dass sie ein Medium ist, das vergessen kann. SIM-Karten haben eine begrenzte Kapazität, man muss irgend­wann Daten löschen. Im Zeitalter des allgemeinen Speicherwahns ein unbestreitbares Plus.

Mit Speicherwahn meinen Sie jetzt die Mühen des Staats, die Daten seiner Bürger verfügbar zu machen.

Nein, nicht nur. Der Staat möchte am liebsten alles speichern. Darin ist er seinen Bürgern sehr ähnlich, denn die speichern so viel – Texte, Bilder, Videos, Mails, Daten aller Art –, dass man den Eindruck bekommen kann, sie wollten noch 500 Jahre lang leben. In einem normalen Menschenleben kann das alles niemand mehr verarbeiten.

Wie viel Zeit verbringen Sie täglich vor dem Computer?

Zwischen sechs und zehn Stunden, meine ganze Arbeitszeit.

Das geht ja noch. Ich hätte gedacht, dass bei Ihnen mehr Online-Zeit zusammenkommt.

Mehr Zeit will ich vor dem Computer nicht verbringen. Anderes ist wichtiger. Ich möchte nicht zu den Leuten gehören, die ihrer Arbeit nicht mehr entkommen können. Manchmal sehe ich in der Werbung Bilder von Männern, die mit ihrem Laptop an einem wunderschönen, einsamen Strand sitzen. Das soll eine Form von Glück vorspiegeln. Für mich ist diese Vorstellung der reinste Alptraum.

Man müsste mal einen Reiseführer mit den letzten Funklöchern der Welt herausgeben – als Qualitätsmerkmal für Reisende, die Ruhe suchen. Neulich war ich in den USA, dort sind wir auch durch Gebiete gekommen, die mehrheitlich von den Amish People bewohnt werden, also diesen Leuten, die auf moderne Kleidung und Verkehrsmittel verzichten. Die fahren mit Pferdekutschen durch die Gegend, aber bei Werbeanzeigen für ihre Gaststätten steht manchmal auch die Adresse fürs GPS-System mit dabei.

 

Das Internet

Sie haben Anfang der Neunziger in einem Aufsatz mal geschrieben, das Netz würde sich zur vollendeten Dienstleistung entwickeln. Ist es dazu gekommen?

Nein, vollendet nicht. Ja, Dienstleistung schon. Das ist ein großer Fortschritt. So etwas wie die Ladenschlussdiskussion gibt es im Netz nicht. Ich kann um vier Uhr nachts einkaufen, und zwar alles. Das Web ist das größte Schaufenster der Welt.

Für Sie hat Dienstleistung keinen negativen Beiklang?

Erst mal nicht. Es gibt in Europa seit mindestens einem Jahrhundert eine konservative Tendenz, den Begriff »Dienen« nicht zu mögen. In den USA oder Japan ist das anders, da legt man auf eine gute Dienstleistung viel Wert. In Ägypten habe ich mal in einer Bar erlebt, wie mir der Barmann einen Eimer Eiswürfel und einen alten, schönen Suppenlöffel gereicht hat. Er hat mich fachmännisch beraten und wollte sicherstellen, dass ich ja den richtigen, den perfekten Eiswürfel bekomme. Das waren 30 Sekunden reiner Genuss, obwohl es nur um ein kleines Stück gefrorenes Wasser ging.

Hätten Sie im Netz manchmal gerne auch so einen Dienstleistungsberater?

Nein. Diese Art von Dienstleistung ist nicht virtualisierbar. Außerdem will ich mich im Netz selbst zurechtfinden. Alles andere stärkte die vermeintliche Allmacht des Internet. Die Digitaltechnik hat im letzten Jahrzehnt einen kollektiven und unfassbaren Größenwahn hervorgebracht. Erst ganz langsam lernt das Internet, dass es nur ein Kulturinstrument unter vielen ist und eben kein Absolutum.

Das sehen viele im Netz aber anders.

Ich weiß. Aber von dem fast schon wagnerianischen Getöse, mit dem hierzulande die digitale Revolution ausgerufen wurde, ist jedenfalls kaum noch was übrig.

Woran liegt das?

Das hat vielleicht damit zu tun, dass die kulturellen Entwicklungen dem rasenden Tempo der so genannten Visionäre im Web zum Glück nicht folgen konnten. Vielleicht aber auch damit, dass alle Teilnehmer die Grundzüge der Spielregeln überhaupt erst mal lernen mussten und teilweise immer noch müssen. Das Netz wird derzeit zwangs­demokratisiert, und deswegen ist es – wie die Wirklichkeit – langsam und träge.

Bedauern Sie das?

Nein, ich bin froh darüber. Das bedeutet doch, dass Normalität eingekehrt ist und sich die Hysterie wieder gelegt hat. Ich habe mich schon öfter gefragt, warum es, als das Telefon eingeführt wurde, nicht so einen Hype gegeben hat wie beim Internet. Damals wäre es absurd erschienen, von einer Telefonbewegung zu sprechen oder 50 neue Telefonzeitschriften herauszubringen oder von einem Erweckungserlebnis der Menschheit zu sprechen.

Der Kollaps der New Economy, all dieser Firmen mit zwei X im Namen, von denen jeder wusste, dass sie nur heiße Luft produzieren, hat mich sehr erleichtert. Und er hat mich daran erinnert, dass das Internet im Gegensatz zu anderen Massenmedien wie Radio oder Fernsehen nicht in einem kommerziellen Zusammenhang entstanden ist.

Neu ist ja auch, dass das Netz nun beginnt, eine eigene Historie zu haben.

Ich recherchiere derzeit eine Geschichte über den Tag, an dem das Internet nach Deutschland kam. Durch meine Zeit beim Chaos Computer Club kenne ich viele Leute, die dabei gewesen sind. Ich weiß, welche Klamotten sie getragen haben, welchen Joghurt sie am liebsten gegessen haben und an welchen Computern sie gearbeitet haben.

In den »Indiana-Jones«-Filmen wird manch­mal mit einer Landkarte gearbeitet, auf der ein glühender Strich den Weg des Helden nachzeichnet. Mein glühender Strich folgt dem Weg, den das Internet über New York und Amsterdam nahm, um schrittweise nach Deutschland zu kommen.

Wissen Sie schon, welcher Tag das war?

Nein. Das kommt noch.

Der Vorteil des Netzes ist ja, dass es für so eine Recherche alles bereit stellt und Sie nur noch auswählen müssen, was davon wichtig ist.

Mit dem Auswählen ist es so eine Sache. Alles im Netz kann ja niemand verarbeiten. Wenn ich mal wieder meinen Laptop anmache und mich durch zig Mails, News und RSS-Feeds klicken muss, dann handele ich nach dem Elvis-Presley-Prinzip: It’s now or never. Was nicht sofort gelesen oder in einem Ordner abgelegt wird, ist für immer passé.

Aus dem Sinn ist es vielleicht, aus dem Netz noch lange nicht.

Quatsch. Es gibt viele Probleme mit den Quellen. Große Teile dessen, was wir in den siebziger und achtziger Jahren am Bildschirm gesehen haben, ist heute nicht mehr da. Die meisten Daten jener Zeit – da war zwar noch kein Internet verfügbar, aber es gab schon riesige Netze – lassen sich heute eben nicht googeln. Vieles davon gehörte ja zum militärisch-industriellen Komplex.

Damals gab es in der Szene die so genannten Computer-Mailboxen. Wenn Netze unterschiedlicher Machart miteinander in Verbindung kamen, wurde das als Wolke dargestellt. In der Wolke stand »Internet«, das war etwas wie ein Gateway oder eine Übersetzungsstelle für unterschiedliche Protokolle. Selbst den Cracks im Chaos Computer Club war nicht klar, welche Dimension dieses Phänomen hatte. Das wurde erst Mitte der achtziger Jahre deutlich.

 

Der Chaos Computer Club

Woran wurde es deutlich?

Das war wie Höhlenforschung. In der Mailbox-Zeit bildeten lange Listen mit Telefonnummern die Forschungsgrundlage. Man konnte die verschiedenen Computer über Telefonnummern erreichen.

Das müssen Sie mir genauer erklären.

Die Deutsche Bundespost bot ein digitales Datenpaketnetzwerk an, Datex-P. In jeder Großstadt gab es eine Telefonnummer, mit der man in dieses System kam. Auf Datex-P gab es lange Listen mit Nummern, die man ansprechen konnte, so genannte NUAs – Network User Adresses. Zu 95 Prozent waren das einfach nur Zahlen, sehr abstrakt also. Und mitten in einer solchen Liste fanden sich dann die Namen Castor und Pollux, der beiden Zwillinge aus der griechischen Mythologie. Freunde von uns haben dann ausprobiert, was passiert, wenn man die anwählt. Da stand dann auf dem Bildschirm: »Welcome to the Nasa-Headquarters.«

Was weiter passierte, ging als Nasa-Hack in die Geschichte ein. Das ist alles bekannt, und das meiste davon können Sie im Netz nachlesen. Nur kurz: Im Jahr 1987, also auch schon wieder 20 Jahre her, gelang es ein paar kleinen Hackern aus Norddeutschland, mit ihren 1 000-Mark-Homecomputern ein Rechenzentrum der Nasa zu unterwandern. Interpol, BKA und Geheimdienste wurden eingeschaltet, wir hatten die ab einem kritischen Punkt auch angesprochen. Da war ein bisschen das Gefühl, dass im Bade­zimmer demnächst ein Flugzeugträger auf dem Waschbecken einlaufen könnte.

Was waren das für Leute im CCC der Frühphase?

Der Chaos Computer Club war und ist die inhomogenste Gruppe, die ich kenne. Altlinke waren ebenso dabei wie Mitarbeiter der Post. Einer meiner inzwischen besten Freunde ging immer dienstags zum Schützenverein und donnerstags zum CCC. In der Kneipe hätten diese Leute sich niemals an einen Tisch gesetzt, vermutlich hätten sie nicht einmal dieselbe Kneipe besucht. Nebenbei: Deutschland ist wohl das einzige Land der Welt, in dem sich sogar das Chaos in einem eingetragenen Verein organisiert.

Aber innerhalb des Clubs ging es?

Es gab zwei Fraktionen. Einige der Gründer um Wau Holland waren alternative Linke. Rauschebärte, Strickpullover, speckige Hosen. Wenn man Wau sah, dachte man, er kommt gerade aus dem Wald. Schon als 20jähriger habe ich an Linken als Mangel empfunden, dass sie als Strategie ausschließ­lich verweigern und boykottieren wollten. Mir war das zu negativ. Auf der anderen Seite gab es im Club viele Pragmatiker, Bastler, die einfach erfahren wollten, was mit diesen Computern denn überhaupt möglich ist.

Gut war daran, dass sich beide Fraktionen auf einen Konsens darüber verständigen konnten, was gut und böse am Computer, an den Netzen, an der Technik war. Daraus ist auch die Hacker-Ethik hervorgegangen.

Was haben Sie von dort mitgenommen?

Vieles. Einen Begriff von spielerischem Ernst, wie man zusammenarbeiten kann, ohne dabei zum vereinheitlichten Kollektiv zu werden. Technisches Wissen. Vor allem aber habe ich begriffen, wie Vernetzung funktioniert. Die Idee vom Computer bringt die Leute zusammen, dafür braucht es keinen Chat und kein Internet. Es muss dafür nicht einmal ein Computer auf dem Tisch stehen.

Was haben Sie denn damals erwartet, was aus den Netzen, die Sie in den siebziger und achtziger Jahren kennen gelernt haben, später einmal werden wird?

Sehr vieles von dem, was heute daraus geworden ist. Anfang der Neunziger hat ein Holländer namens Wam Kat ein Tagebuch aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg veröffentlicht – in einem Homecomputernetz. Ich habe das aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, weil ich das wichtig und wunderbar fand, und ins deutsche Z-Netz gestellt.

Ich fand es toll, mit solchen Nachrichten dem Alleinherrschaftsanspruch der Tagesschau etwas entgegenzusetzen. Die Tagesschau sagt ja: »Guten Abend. Ich bin die Wirklichkeit.« Sie ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten des Sprachgebrauchs. Als Schriftsteller erlebe ich in solchen Momenten einen gewissen Ingrimm. Dann sage ich: »Ich bin doch auch die Wirklichkeit.« Und nun lag plötzlich mit diesem Kriegstagebuch ein anderer, subjektiver, demokratischer Bericht vor.

Ein Vorläufer der Weblogs.

Ich habe dann versucht, ein »europäisches Tagebuch« in Gang zu bringen, das Einträge aus allen europäischen Ländern versammelt und damit die Nachrichtenagentur-Wirklichkeit relativiert. Damals wurde nichts daraus, heute heißt das Ganze Blogo­sphäre, und Millionen Leute beteiligen sich daran. Nicht schlecht.

Lesen Sie noch gedruckte Zeitungen?

Ja, ich habe eine Tageszeitung und das Computermagazin c’t im Abo. Zeitungen haben eine Qualität, die über die bloßen Fakten hinausreichen. Und damit meine ich nicht das Haptische und das Knistern.

Wenn Sie die Wahl zwischen einer gedruckten Zeitung oder einer Online-Zeitung haben, dann wählen Sie …

… je nachdem. Wenn ich etwas Konkretes suche, gehe ich ins Netz. Ebenso, wenn’s mal schnell gehen muss. Wenn ich ruhig über ein Thema informiert werden will, greife ich zur Printausgabe. Die bereitet die Nachrichten oft besser auf.

Wenn Sie die Wahl zwischen einem Buch oder einem E-Book haben, dann greifen Sie …

… zum Buch. Wenn ich ein Buch fallen lasse, passiert nichts. Fällt mir das E-Book runter, sind mindestens 300 Euro weg. Außerdem kann ich das E-Book nicht an meine Freunde verleihen, weil Text-Lizenzen sich auf meine Gerätenummer beziehen. Das sind zu große kulturelle Rückschritte.

Lesen im Netz und Lesen im Buch sind zwei unterschiedliche Bewusstseinszustände. Man sollte beide voneinander trennen. Ein Buch im Netz zu lesen, ist für mich kaum vorstellbar.

Weil das Netz ein Hort der Unruhe ist?

Ein Hort der Ungeduld. Als ich mit den Computern angefangen habe, gab es noch Audio-Kassetten, von denen man die Programme laden musste. Das dauerte im besten Fall drei bis fünf Minuten, und wenn man mit dem Ellbogen gegen den Tisch kam, musste man von vorne anfangen. Als das Internet neu war, dauerte es mindestens 30 Sekunden, bis sich eine Seite aufbaute. Dann wurde die Technik schneller. Die Ungeduld aber auch.

Lesen Sie nie Literatur im Netz?

Sehr selten. Ich habe im Internet mal Franz Kafkas »Prozess« als Ascii-Text gefunden. Kurioserweise auf der Seite eines Bierherstellers zwischen MP3s mit Rülpsern, alles nebeneinander und gratis. »Der Prozess« ist ja gemeinfrei, in dem Fall ein anschaulicher Begriff. So disparat ist das Netz eben. Ich habe mir den Text heruntergeladen, er unterscheidet sich nicht von der gedruckten Ausgabe und ist doch ganz anders. Ich habe ihn mir angesehen, aber nicht zu Ende gelesen.

 

Geräusche und Gebräuche

Ein 1984 von Ihnen erschienener Text heißt »Rawums!« Sagen wir mal, der Titel bezeichnet das Geräusch der achtziger Jahre.

»Rawums.« Mit Punkt bitte. Kein Rufzeichen, das ist wichtig. Lakonie war in der Punk- und New-Wave-Zeit ein Ideal, auch wenn Punk immer mit extremem Lärm in Verbindung gebracht wird. Im Ratinger Hof, dem musikalischen Hauptquartier in Düsseldorf, wo ich damals lebte, kam mal am frühen Nachmittag der Punkmusiker Tommi Stumpff rein und bestellte sich 20 Kölsch. Die Kellnerin brachte ihm die 20 Kölsch, kommentarlos, die passten gerade so auf den Tisch, Tommi arbeitete sie weg, so war das damals.

Und was hat diese Anekdote mit Ihrer Literatur oder Ihrem Leben zu tun?

Sie zeichnet – jetzt mal in einem kühnen Übergang – ein Bild dieser Zeit, das auch die Literatur geprägt hat: weg vom hippiehaften Innerlichkeitspathos der siebziger Jahre, hin zur Unmittelbarkeit, zu einer Selbstsicherheit, zu etwas Schrägem, Witzigen, aber auch zur Affirmation, zur Kontur, zu Grenzen, zum Geschäft und zur Neon-Kälte, zur Künstlichkeit.

Damals funktionierte Provokation noch.

Wir lebten inmitten von Kommerz und Künstlichkeit, warum sollte man das bekämpfen? Provokation steckte da auch drin, klar. Gerade beim Geschäftemachen. Bis dahin galt Erfolg als prinzipiell korruptionsverdächtig. Es war aber nicht so, dass wir uns jedem Unternehmen angedient hätten. Das hieß erst mal, sich selbst zu vermarkten, in der Musik zum Beispiel Independent-Labels zu gründen. Selbst mit einfachen Entertainment-Gesten konnte man damals provozieren.

Wie sah Ihre Art zu provozieren aus?

Punk selbst war schon die größte Provokation. Es gibt zum Beispiel einen Satz in »Rawums.« zur Literatur damals: »Das beste Buch des Jahres ’81 war eine Plat­te: ›Monarchie und Alltag‹ von Fehlfarben.«

Und mit etwas anderem konnte ich auch provozieren. Ich habe mich mit meinem Computer auf die Bühne gesetzt. Ein Schrift­steller mit einem Computer! Das war anfangs so spektakulär, dass jedes Mal das Fernsehen zu meinen Lesungen gekommen ist. Wenn ich das heute einem jungen Menschen erzähle, lächelt er müde, kehrt zurück an seinen Laptop und denkt: Vati erzählt wieder vom Krieg.

Heute ordnet man Sie der Popliteratur zu. Haben Sie sich selbst je als Popliterat begriffen?

Nö. Das ist kein literarischer Gattungsbegriff, sondern ein Kampfbegriff der Gegenseite. Ich bin Schriftsteller, kein Popliterat.

In »Rawums.« heißt es, Langeweile, Lahmarschigkeit und Literatur seien identisch. Über den Schriftsteller der damaligen Zeit haben Sie in einem Interview mal geäußert: »Wenn man sagte, man ist Schriftsteller, dann konnte man von Glück sprechen, wenn man nicht einen in die Fresse gekriegt hat.« Nun bezeichnen Sie sich selbst als Schriftsteller.

Ich bin einer. Anfang der achtziger Jahre haben wir uns strikt dagegen gewandt, dass Schriftsteller durch ihre Bräsigkeit die Literatur kaputt machen oder ihrem Publikum zu wenig bieten. Oder auch gegen die dumme Trennung in hohe Literatur und Trivialliteratur.

Die gibt es heute zum Glück nicht mehr.

Denken Sie. Als ich 2002 für »Geschichte von Nichts« den Bachmann-Preis bekommen habe, fragte mich der sympathische Herr Scobel für 3Sat gleich, ob ich nach den langen Jahren in den Niederungen des Journalismus nun in die leuchtende Höhe der Literatur zurückgefunden hätte. Ich war erstaunt.

In einem anderen Text von Ihnen habe ich für die neunziger Jahre das Geräusch des Rauschens gefunden.

Das bezieht sich auf das Pfeifen und Rauschen von Modems. Jede Epoche hat ihr Geräusch. In den achtziger Jahren hat sich der radikale Lärm des Punk verteilt. Für diese Zeit können Sie auch das Jaulen nehmen, wenn eine Polaroid-Kamera ein Bild ausspuckte. Oder Synthesizer-Fauchen. Oder für die Neunziger das Fiepen, mit dem ein CD-Player loslegt.

Welches Geräusch ist das der nuller Jahre, der Gegenwart?

Vielleicht das Klackern der Computertas­taturen. Oder Mausklicks.

 

Daten und Literaten

Gefällt Ihnen die Internet-Kommunikationsgesellschaft mit ihren vielen Social Networks?

Antwort von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Aber wenn jeder mit jedem reden will, muss das nicht immer spannend sein, Langweiler gibt’s ja in aller Welt. Außerdem haben sich Firmen des Social Networking angenommen und versuchen, die Nutzer in Datenkäseglocken einzuschließen. Zum Glück gelingt das nicht immer. Das Beispiel AOL zeigt, dass die User sich nicht mit einer geschlossenen Netzumgebung zufrieden geben. Heute versinkt AOL wie ein Papiertaschentuch im Wasser.

 

Hat das freie Internet gesiegt?

Noch lange nicht. Second Life macht deutlich, dass das Web 2.0 mit ähnlichen Methoden arbeitet. Second Life reproduziert die Schneekugelatmosphäre von AOL und sagt: »Ich bin alles. Du brauchst nichts von dem, was außerhalb meiner Welt liegt.« Hier kannst du einkaufen, reisen, kommunizieren, selbst den Puff haben sie nicht vergessen. Es gibt keine Links nach draußen. Fast alle Sozialen Netzwerke funktionieren nach diesem Prinzip. Das gefällt mir nicht.

Warum nicht? Es gibt doch Schlimmeres als einen zeitlich begrenzten Eskapismus.

Der Eskapismus ist nicht das Problem, sondern dass sich Leute mit so wenig Gegenwert zufrieden geben. Das sind Glasperlen. Sie überlassen den Unternehmen auch noch freiwillig ihre Daten. Für Datenhändler ist das geschenktes Geld, und zwar eine ganze Menge.

Das ist nicht schön, aber dieser Daten­alarmismus nervt auch schon wieder.

Das ist kein Alarmismus. Für die meisten Leute ist Google inzwischen der Zugang zum Internet. Das ist erst mal in Ordnung, auch ich habe Google als Startseite eingerichtet. Aber man sollte schon bedenken, was es bedeutet, wenn der Zugang zum Netz über ein privates Unternehmen vollzogen wird.

Überlegen Sie mal, was wohl passiert, wenn die Google-Aktien über einen längeren Zeitraum einbrechen. Was hat Google als Reserve für schlechte Zeiten, wenn es abwärts geht? Die Daten der User, die sich in den zig Unternehmensdiensten von Gmail über Google-Maps und -Groups registriert haben.

So viele Daten kann doch niemand auswerten.

Dieses Unternehmen errichtet derzeit riesige Datenfarmen. Wie leistungsfähig die mal werden sollen, wird daran deutlich, dass Google sich für eine dieser Datentur­binen einen Ort gesucht hat, an dem ein großer Fluss mit einem besonders leistungs­fähigen Kraftwerk steht. Die Software für das so genannte Data Mining ist heute auch schon viel raffinierter, als viele wissen. Sollte der Wert der Firma sinken, werden sich die Aktionäre sofort fragen: »Was ist denn noch da, was man verscherbeln kann?« Und das Gold im Tresor von Google sind die Daten seiner User.

Ich bleibe dabei: Das ist Panikmache.

Ich verstehe Ihren Einwand. Gerade die deutsche Linke hat über Jahrzehnte eine panische Angst vor jeder Steckdose gehabt. Das hat viel mit der RAF und der Rasterfahndung zu tun. Ich bin ein affirmativer Mensch. Bevor ich etwas kritisiere, will ich wissen, was das ist und wie es funktioniert. So war das auch Ende der Siebziger, als es die ersten Computer gab. Die Linke hat gewarnt und »1984! Big Brother!« geschrieen. Der CCC war für mich der erste Laden, in dem es möglich war, Spiel und Spaß mit der potenziellen Kritik an einer Sache zu verbinden.

Wir wissen mittlerweile, dass das Inter­net das Buch nicht verdrängen wird. Aber so richtig zusammen finden diese beiden Medien auch nicht.

Entgegen der falschen Annahme von Kulturpessimisten, wenn etwas Neues komme, müsse etwas Altes weichen, sind in den letzten paar tausend Jahren nur ganz wenige Kulturtechniken verschwunden. Der Pool wird immer größer.

Das Internet ist zwar, was Literatur, Sprache und Text angeht, mit dem Anspruch angetreten, für einen Kulturbruch zu sorgen und Hunderte Jahre der Linearität im Umgang mit Texten hinter sich zu lassen. Durch Vernetzung und Links sollte alles anders werden. Es sind simple, mechanistische Querverbindungen. In einem gedruckten Erzählband kann man viel eleganter assoziieren, variieren und Verbindungen herstellen. Schreiben im Netz ist heute eine Art gehobene Linearität.

Was ist denn aus der eine Zeit lang viel gepriesenen Netzliteratur geworden?

Die meisten Autoren mussten für das Formale, die Technik zu viel Energie aufwenden. Für die sprachliche Qualität blieb da nicht viel übrig. Und: Seien Sie bitte nicht so ungeduldig. Das Internet befindet sich sozusagen noch in der frühen Steinzeit, nein: Scheinzeit.

Bisher ist mir nur ein gelungenes Netzliteraturprojekt bekannt: Rainald Goetz’ »Abfall für alle«.

Goetz ist ein klassischer Autor, der mit klassischen Methoden ins Netz geht. Der Text erschien zuerst im Netz und dann als Buch, aber es hätte auch umgekehrt sein können. Das Einzige, was ihn netzspezifisch macht, ist die tagebuchartige Form, das Fragmentarische.

Sie waren gerade zu einer Lesereise in den USA. Wie sieht es dort mit der Verbindung von Netz und Literatur aus?

Nicht viel besser. Obwohl die literarische Tradition des Landes sehr eng mit dem Journalismus verbunden ist. Und Journalismus funktioniert im Netz ja gut. Ich hatte in Chicago eine Diskussion mit an deutscher Literatur interessierten Professoren über das meiner Meinung nach einzige wirklich erfolgreiche Netzliteraturprojekt, nämlich Videospiele.

Man erkennt die Netzliteratur in ihnen heute nicht mehr auf den ersten Blick, aber die Adventure Games haben als rein textbasierte Spiele begonnen, in denen man sich zwar vernetzt fortbewegen kann. Doch das Prinzip heißt Text, Story, Plot. In ihrem ureigenen Interesse wäre die Literaturwissenschaft angehalten, sich dieses neue Genre zu krallen.

In den USA braucht sie das doch gar nicht. An der amerikanischen Literatur kommt ohnehin niemand mehr vorbei.

Das Interesse an Literatur in den USA ist sehr begrenzt. In diesem gigantischen Kulturraum werden pro Jahr gerade mal 80 000 Titel publiziert, vom Kochbuch über Ratgeber bis zur Literatur. Im deutschsprachigen Raum, der deutlich weniger Bewohner hat, erscheinen pro Jahr gleich viele Titel wie in den gesamten Vereinigten Staaten. In den USA muss Literatur viel stärker als in Europa mit anderen Kulturangeboten konkurrieren. Dass man sich in Europa so stark für US-Literatur interessiert, schließt offensichtlich nicht aus, dass es in Amerika selbst ganz anders ist.

Interessiert Sie literarische Science Fiction?

Ich lese wenig Science Fiction. Wir leben in einer Zeit, in der Science Fiction Alltag geworden ist.

Dabei müsste gerade Ihnen doch die Zukunftsliteratur liegen.

Ich lese überhaupt zu wenig. Meine Arbeit am Computer lässt mir dafür wenig Zeit. Selbst Schuld, ich weiß. Dass Science Fiction bei mir so kurz kommt, hat auch damit zu tun, dass ich das humorlose Pathos dieses Genres nicht mag. In Star Trek etwa finden sich in stets staubgesaugten Raumschiffen moralisierende Gestalten, die unglaublich humane und tolerante Lösungen für Konflikte finden.

Da waren die Cyberpunks William Gibson und Neal Stephenson anders.

Ich habe mich sehr gefreut, dass in den Romanen dieser beiden Autoren reichlich Chaos, unaufgeräumte Wohnungen und Ölpfützen zu sehen sind. Noch viel schöner sind die Sterntagebücher von Stanis?aw Lem; konventionell geschrieben, einfallsreich und voller Humor.

Der ist bei deutschen Science-Fiction-­Autoren eher selten zu finden.

Der Deutsche liebt den Untergang und die Apokalypse. Das hat mit Eitelkeit zu tun. Man kann dann sagen: »Die Welt geht unter – und ich bin dabei!«

Wie müsste moderne Science Fiction sein, um Sie zu interessieren?

Weniger technisch. Sozial. Soziale Science Fiction wäre nach dem Ende des Realsozialismus dringend nötig. Alternativen zur Wirklichkeit sind sehr gefragt. Aber um in diesem Sinn weiterzukommen, müsste sich das Genre zuerst einmal davon verabschieden, dass die Entwürfe alle in einem Idealzustand enden. Dieser Idealzustand, der so oft in der utopischen Literatur am Ende erreicht wird, ist doch schrecklich. Er behauptet, dass jede Entwicklung aufhört. Der Mensch und das Leben entwickeln sich aber. Und das erst macht eine Geschichte spannend.

Interessant ist auch, dass Leute wie Gibson anfangs kaum mit dem Internet in Berührung gekommen sind. Als sein Werk in Deutschland bekannt wurde, haben viele Leute versucht, seine Mailadresse herauszufinden – erfolglos. Bis klar wurde, dass er gar keine hat. Neulich erwähnte Neal Stephenson in einem Interview, wie lächerlich er Second Life findet.

 

Glauben, wissen, spielen

Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie einen Computer oder das Internet gesehen hat, erklären, was genau er da vor sich hat?

Ich würde sagen: »Das ist pure Magie.«

Wie kommen Sie denn darauf?

Die Realität hat ein gutes Stück der Science Fiction übernommen. Spielen wir doch mal Zeitmaschine und lassen Goethe in ein Wohn­zimmer des 21. Jahrhunderts fallen. Was er sehen würde, wäre schiere Magie. Fernbedienungen, Telefone. Bildschirme, die sich ihm als Fenster präsentierten, die irgendwohin führen, wo eigentlich nichts ist.

Oder ohne Zeitmaschine ausgedrückt: Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger beamt Teilchen, Wissenschaftler erforschen die Antischwerkraft, Mauspfeile werden mit Gedankenkraft gesteuert. Da ist die Trennung von Zukunft und Gegenwart längst aufgehoben. Einiges davon mag selbst unter Experten noch exotisch klingen, aber man arbeitet daran.

Das klingt sehr optimistisch.

Finden Sie? Ich bin doch auch ein Skeptiker. An manchen nebligen Herbsttagen zweif­le ich daran, ob eine von vielen Seiten korrumpierte Wissenschaft dem neuen Ansturm des Glaubens noch genügend entgegensetzen kann. Nicht genügend Fakten, son­dern genügend Vehemenz. Ob der wissenschaftliche Geist nicht irgendwann all den Ratzingers und Ayatollahs unterliegen wird.

Das wiederum klingt sehr pessimistisch.

Nicht pessimistisch, skeptisch. Und dafür gibt es bereits länger einigen Anlass. Schon in den Siebzigern hatten die Hippies eine starke esoterische Ader, da kam New Age auf. Heute ist New Age Mainstream. Es ist eigentlich eine fehlgeleitete Art von Literatur: Phantasie, die für wahr gehalten werden möchte.

Naja, was ist schon New Age gegen den von Computern generierten Fortschritt?

Als Junge wollte ich immer Naturwissenschaftler werden. Später gab es einen Bruch, als ich feststellen musste, dass Mäd­chen sich bedauerlicherweise nicht für organische Chemie interessieren und Jungs mit Gitarre vorziehen. Junge Menschen sind leicht korrumpierbar, also bin ich zur Kunst gekommen. Ich habe angefangen zu schreiben und mich mit Computern beschäftigt. Computer haben mich euphorisiert, genauso wie Punk. Es gab Monate, in denen man morgens aufgestanden ist und das Gefühl hatte: Die Luft brennt.

Als Gegenkraft zur Euphorie brauche ich aber den Skeptizismus. Der erdet so schön. Peter Handke hat mal in einem Tagebuch notiert: »Abends im Bett gelegen und eine Rede an die Menschheit gehalten.« Handke ist ja völlig humorlos. Ich habe 30 Jahre Handke gelesen und noch nie gelacht. Der meint das also ernst. Gegen dieses Schwärmerische, das mir auch nicht ganz fremd ist, setze ich dann Ironie und Skepsis. Und, wie Handke, die genaue Beobachtung.

Gibt es etwas, das der Glaube dem Wissen voraus hat?

Die große Tragödie der Aufklärung ist, dass die Irren immer die besseren Geschichten erzählen. Geschichten von extraterrestrischen Mächten, Masterplänen, unfassbaren Geheimnissen. Die Aufklärung ist oft schlicht und ernüchternd.

Mein Eindruck von Ihnen ist, dass Sie alles, was Sie tun, spielerisch machen.

So ist das auch. »Man muss als Mann den Ernst wieder finden, den man als Kind beim Spielen hatte«, sagt Friedrich Nietzsche. Meine überwältigende Sympathie für den Chaos Computer Club kommt auch daher, dass der ganze CCC extrem verspielt ist. Alle dort hatten von Anfang an eine kul­turelle und gesellschaftliche Perspektive, und die Maschine bot einen Spielraum dafür. Der CCC hat in Deutschland noch einen wichtigen Spielraum geöffnet: Hacken als Spiel. Da gab es diese großen Computer­net­ze, von deren Existenz vor 20 Jahren nur Experten wussten. Wir wollten da auch mitspielen. Hacken ist manchmal wie ein Vi­deo­spiel. Die Herausforderungen nehmen zu, und es geht immer ein Level höher.

Jetzt brechen Sie das Hacken aber sehr weit runter.

Natürlich ging es auch um eine Menge anderes. Da waren diese aus öffentlichen Mitteln finanzierten Netze, von deren Existenz die Öffentlichkeit aber nichts wusste. Das wollten wir ändern. Wir haben Computer­netze sozusagen ins öffentliche Bewusstsein eingespielt. Es hatte auch viel von »Jugend forscht«. Und auf dem letzten Level ging es schon auch manchmal darum, die Mitspieler rauszukicken und Sieger zu sein – um im Bild der Videospiele zu bleiben.

Würden Sie sich selbst als Hacker bezeichnen?

Ich weiß, wie das geht. Aber ich war immer nur der Beifahrer.

Was macht eigentlich »Die Nase der Sphinx«, jener schon vor dem Erscheinen legendär gewordene Roman, an dem Sie seit Jahren schreiben?

Vor etwa 15 Jahren habe ich von Kie­pen­heuer & Witsch meinen ersten Vorschuss für den Roman erhalten, und ich kann dazu heute nur dasselbe sagen, was ich damals gesagt habe: Das Buch ist in Arbeit.

 

 

Links

http:///www.ccc.de/

http://www.heise.de/tr/blog

http://de.wikipedia.org/wiki/Chaos_Computer_Club#NASA-Hack

http://www.kiwi-koeln.de

http://www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/

http://www.nealstephenson.com/

http://www.williamgibsonbooks.com

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