ueber die Ehre eines Pazifisten

"Ich weiß nicht, wie es Euch in den letzten Monaten ergangen ist, aber seit in Gaza und im Libanon die israelische Armee ist und seit in Israel die Hisbollah und die Hamas aktiv sind, geht es mir nicht nur weil ich Jude bin, schlecht. Und deshalb möchte ich meinen Beitrag zum Frieden erst einmal anfangen mit der Bitte, Euch eine Minute lang darauf zu konzentrieren, dass die Waffen im Mittleren und Nahen Osten ruhen."

Von Wam Kat

Wam Kat, gebürtiger Niederländer, war 5 Jahre Küchenchef im ZEGG und ist Stadtverordneter in Belzig.




Ich danke Euch. Kriegsgebiete, Krisengebiete – ich habe in meinem Leben einige besucht. Die letzte Woche, als es so warm war, habe ich regelmäßig an Tirana gedacht. Das ist die Hauptstadt von Albanien. Als vor sieben Jahren der Krieg im Kosovo stattfand, war ich in Tirana, um Flüchtlingen aus dem Kosovo zu helfen. Und weil ich nicht so gut albanisch spreche, hatte ich einen Übersetzer, einen 19 Jahre alten Exkommandanten aus der Armee. Als ich von der einen Besprechung bei der Unesco zu der nächsten von Unicef gelaufen bin – die meisten sind mit ihren weißen Wagen durch die Stadt gefahren und ich habe die Zeit genutzt, um mit John durch Tirana zu laufen –  habe ich gemerkt, dass er immer so um mich rumtrabt. Mal auf dieser Seite, mal auf der anderen Seite. Und das hat mich nach einer bestimmten Zeit ziemlich unruhig gemacht. Da habe ich gefragt: „John,was machst du da? Kannst du nicht irgendwie, wenn wir durch eine Straße laufen, an der selben Seite bleiben?“ Und da sagte er: „Nein, mein Ehrenkodex gebietet mir, immer an der Seite von dir zu laufen, wo ich dich verteidigen kann.“

So sind wir auf das Thema Ehre gekommen. Weil ich in seinem Ehrenkodex sogar das Recht hätte, ihn auf der Stelle umzulegen, wenn er auf der falschen Seite liefe, und er, wenn ich das nicht tue, das Recht hätte, mich umzulegen, wenn ich nicht nach seinem Ehrenkodex handle.

Für die Ehre
zogen Millionen

in den Krieg


So gibt es in Albanien und in anderen Gebieten aus diesem Kulturkreis viele verschiedene Arten von Ehre. Und Ehre ist etwas, für das in der Vergangenheit Millionen und Abermillionen Männer in den Krieg gezogen sind – um die Ehre ihres Vaterlandes, ihrer Kirche und von sonst wem zu verteidigen. Und wenn wir Männer genauso mit unserer Ehre umgehen würden wie vor 200 Jahren, dann wäre unser Campus (großer Platz im ZEGG) voll mit Männern, die sich um die Ehre duellierten. Um mit anderen Worten zu sprechen: wir haben hier in Mitteleuropa in der letzten Zeit Teile unserer Ehre abgebaut oder finden es nicht mehr so wichtig, darauf zu bestehen.

Überraschend ist es aber, immer wieder zu bemerken, dass oft die Ehre das einzige ist, was übrig bleibt, wenn Menschen in soziale oder andere Notlagen kommen, Wenn man hier in Deutschland herumhorcht, dann hört man „ich muss meine Ehre verteidigen“ genauso von Neofaschisten wie von Jugendlichen der zweiten oder dritten Generation Einwanderer. Alle sind so mit ihrer Ehre beschäftigt, und für die Ehre kann man sterben, wenn nötig. Etwas Wichtigeres gibt es scheinbar nicht. Aber ich will nicht so viel über andere Leute reden, sondern mal zu meinen eigenen Sachen kommen. Jeder von Euch kann sich vorstellen, was für ein Sinn und Unsinn in dieser albanischen Ehre oder in der Vaterlandsehre steckt; aber ich habe auch so meinen Stolz, wodurch ich mich manchmal in ziemlich festgefahrene Situationen bringe und eine absolute Notwendigkeit fühle, meine verletze Ehre zu verteidigen. Letztes Jahr hat mich das sogar ins Hospital gebracht. Über Monate hinweg war ich damit beschäftigt, mein ziemlich ausgeklüngeltes Verteidigungssystem hochzufahren gegenüber einer Person, mit der ich seit 11 Jahren zusammen bin und die ich seit 11 Jahren liebe.

Die Freundin
macht Kampfsport

Ramona wollte etwas mit Kampfsport machen – und ich als prinzipieller Pazifist war immer der Meinung, dass meine Freundin nie im Leben sowas wie Kampfsport machen könne. Das war irgendwie unter meiner Ehre. Noch stärker – ich kann doch nicht eine Beziehung haben mit jemandem, der  Kampfsport macht, das geht einfach nicht.

Ob das der wirkliche Grund in diesem Moment war, das weiß ich jetzt nicht mehr, aber so ist es in meinen Gedanken. Das wichtigste ist, dass ich mich ab diesem Moment richtig wichtig fühlte und richtig in meiner großen Ehre angetatscht war. Und glaubt mir, wenn ich anfange, prinzipiell zu werden, dann ist wirklich kein einziger -ismus von Sozialismus bis Taoismus mehr sicher. Ich weiß meine Waffen aus jeder Geistesrichtung zu holen. Als Jude habe ich gut gelernt: Was man auch denkt, es gibt immer irgendwo einen Rabbi, der mit dir einverstanden ist. Und wenn ich dann so richtig voll in meinem Recht bin, mit vollem Feuer meine Ehre verteidige, dann bin ich auch ziemlich grundsätzlich. Dann ist es z.B. ganz normal, dass ich mir sage, ich ziehe morgen aus dem ZEGG aus und mache nichts mehr.

Erst wenn ich wieder irgendwie im Stande bin, ein bisschen Distanz einzunehmen von den durch mich selbst aufgebrachten Emotionen, wenn ich mich selbst ein Stück weit von außen anschauen kann, dann wird es mir ganz langsam klar, wie unheimlich bescheuert ich in so einer Situation bin. Ich klage über Soldaten, die sich um der Ehre willen gegenseitig umlegen und schaffe es noch nicht einmal, mit meiner Freundin in Frieden zu reden. Das ist doch irgendwie der absolute Hammer. Und im Prinzip bin ich da mit meinen Prinzipien noch nicht so weit gekommen. Ich bin im Grunde genommen noch immer so altmodisch wie die Leute mit ihrem Ehrenkodex in Albanien.

Um nun aus dieser ganzen Spirale nach unten dieses Mal herauszukommen, musste ich mich erst einmal mit einem Gehörsturz in einem Krankenhaus wiederfinden. Genau letztes Jahr vor dem Sommercamp passierte es, und ich lag alleine in Brandenburg im Krankenhaus und dachte: „Was bin ich doch doof. Was für ein Idiot bin ich. Ich habe es geschafft, um mein prinzipielles Dasein als Pazifist und meine Ehre zu verteidigen, innerhalb von drei Monaten zu einer äußerst aggressiven Persönlichkeit zu werden. Zu jemandem, der vor allem eine Person ganz sicher nicht sehen wollte, nämlich seine Freundin.“

Das Ohr hatte die
Nase voll


Ramona lag zu gleicher Zeit auch im Krankenhaus. Und ich habe in dieser Zeit meine Energie nur noch darauf verwendet, darüber nachzudenken, warum es meiner Meinung nach recht sei, dass Ramona keinen Kampfsport macht. Als ich dann mit meiner Ehre und meinem äußerst peinlichen Ohr endlich mal begriff, was da in Gang war und dass ich die ganze Krise selbst kreiert hatte, da musste ich erst einmal lachen: Wie kommt man soweit? Und die zweite Frage, die dann bei mir aufkommt, heißt: „Wie kann ich das alles wieder gut machen, ohne meine Ehre zu verlieren?“

Hoffnungslos. Äußerst hoffnungslos. Und dort, in diesem Krankenhaus, hörte ich mal wieder meine Mutter, die immer gesagt hat: „Erinnere dich immer dran: Derjenige, der sich selbst besiegt, ist stärker als jemand, der eine Stadt besiegt.“ So. Wenn man endlich mal einsieht, dass man selbst derjenige war, der die Fehler gemacht hat, dann ist das ein Anfang für ein neues Aufeinanderzugehen.

Wie oft fühlen wir
uns in unserer Ehre
verletzt!

Einfach zugeben, dass ich mich selbst viel zu wichtig fand und mich dann wie ein Arschloch benommen habe – das war im Endeffekt überhaupt nicht so schwer, wie ich es mir eine Stunde vorher vorgestellt hatte. Und die innerliche Befreiung, meine verdammte Ehre zuzugeben, die werde ich hier erstmal nicht beschreiben, weil das eine andere, ganz lange und schöne Geschichte ist. Zu dem Schritt kommen, zuzugeben, meine Ehre ist nicht so wichtig, wie ich gedacht habe – was ich dafür zurückgekriegt habe, ist jedenfalls eine ganze Menge. In diesem Sinn habe ich angefangen, mich kennen zu lernen, und ich sehe auch, wie viele andere Männer sich regelmäßig mit Fragen um die Ehre herum quälen; wie oft fühlen wir uns in unserer Ehre verletzt. Daher denke ich, dass es ein ganz wichtiger Beitrag von Männern zu einer Kultur des Friedens ist, sich selbst weniger wichtig zu nehmen und bezüglich der eigenen Ehre nicht so unheimlich verletzbar zu sein. In dem Sinne muss uns manchmal geholfen werden; es ist nicht so einfach, seine Fehler zuzugeben. Aber wenn man es tut, sieht die Welt auf einmal ein Stück besser aus. Ich danke Euch.

(Wam Kat’s Text aus dem Sommmercamp 2006 war einer von drei Kurzvorträgen zum Thema: „Was können Männer zu einer Kultur des Friedens“ beitragen.)

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